Ländliche Mittelstädte bieten die beste Nahversorgung

Dass die Nahversorgung auf dem „platten“ Land  in Deutschland nur noch unzureichend funktioniert, ist hinlänglich bekannt. Doch dass auch die Metropolen nicht gerade üppig mit Lebensmittelmärkten und anderen Betrieben des täglichen Bedarfs ausgestattet sind, ist durchaus überraschend. 

Nach einer Untersuchung von GfK GeoMarketing über die Nahversorgungssituation in Deutschland liegt die entsprechende Verkaufsfläche pro Einwohner im ländlichen Raum zwischen  0,24 und 0,33 qm. Untersucht wurde dabei, wie nah das Angebot von Gütern des täglichen Bedarfs, Nahrungs- und Genussmitteln, zum Wohnbereich der Bevölkerung angesiedelt ist. Im Idealfall können sich Bürger laut GfK Geomarketing „in einer fußläufigen Distanz mit Lebensmitteln versorgen und hierbei aus einem umfangreichen Angebot auswählen“.

Dabei förderte die Studie aber auch zutage, dass Großstädte in Deutschland einen Durchschnittswert erreichen, „der sich nur unwesentlich vom Durch­schnittswert im ländlichen Raum unterscheidet“. Konkret rangiert die Ausstattung hier nach den Worten von Wilfrid Weisenberger (Foto), Bereichsleiter der Kommunal- und Handelsberatung von GfK GeoMarketing,  bei 0,3 qm je Einwohner in Metropolen ab 500 000 Einwohnern und bei 0,38 qm je Einwohner in den übrigen Großstädten. Diese Tatsache hat auch die Kölner Rewe Group registriert und  setzt bei ihrer Expansionsstrategie u.a. auch verstärkt auf die großen Ballungsgebiete.

Im Einzelnen hat der Fachbereich Kommunal- und Handelsberatung mit den GfK-GeoMarketing-Werkzeugen die eigene deutschlandweite Handels- und Verkaufsflächendatenbank im Hinblick auf die Kriterien Nahversorgungsausstattung und Erreichbarkeit des Nahversorgungsangebots, bzw. die Nahversorgungsdichte analysiert. Als räumlich abgedeckt gilt dabei, wer vom Wohnstandort aus innerhalb einer 800-Meter-Luftliniendistanz mindestens einen Betrieb des Nahrungs- und Genussmittelangebotes – mit 400 qm und mehr – erreichen kann. „Dies entspricht einer erweiterten fußläufigen Distanz“, so die Experten von GfK-Geomarketing.

Anders als auf dem Land oder in den Metropolen präsentiert sich das Bild in den Mittelstädten: Hier wurden laut Weisenberger Topwerte gemessen. Das gilt vor allem in den Mittelstädten im ländlichen Raum. So weisen hier größere Mittelstädte mit mehr als 50 000 Einwohnern einen Wert von  0,48 qm Verkaufsfläche mit Gütern des täglichen Bedarfs auf, kleinere Mittelstädte im ländlichen Raum erreichen sogar einen Ausstattungsgrad von 0,52 qm. Und selbst die Kleinstädte im ländlichen Raum schaffen es noch auf einen Wert von 0,47 qm.

Für diese paradox wirkende Situation sieht Bereichsleiter Weisenberger gleich mehrere Gründe: „Eine Erklärung hierfür ist, dass Großstädte zwar insbesondere im aperiodischen Bedarfsbereich, also bei Gütern des nicht täglichen Bedarfs, über große Marktgebiete weit über die Gemeindegrenze hinaus verfügen. Im periodischen Bedarfsbereich hingegen richtet sich das Angebot der Großstädte eher an die eigene Bevölkerung. Klein- und Mittelstädte – und hier insbesondere die im ländlichen Raum –  verfügen aufgrund der typischerweise dünnen Besiedelung des Umlandes über eine starke Ausstrahlung auch im periodischen Bedarfsbereich.“

Das hat für die kleineren Gemeinden im ländlichen Raum im Umkehrschluss aber auch die Konsequenz, dass viel von ihrer Kaufkraft in die Mittelstädte abfließt. So gibt es viele kleinere Ortschaften in Deutschland, in denen es kaum noch Lebensmittelläden gibt. Hier kommt erschwerend hinzu, dass die Bevölkerung immer älter wird, nicht mehr so mobil ist und nur schwer in die Städte zum Einkaufen fahren kann.

Für die relativ geringe Dichte bei der Nahversorgung in Großstädten ist laut Weisenberger aber auch die Tatsache verantwortlich, dass „mit verhältnismäßig wenig Märkten das Bevölkerungspotenzial gut abgeschöpft werden“ kann, denn die einzelnen Märkte können hier leichter erreicht werden. Sei es, weil mehr Menschen im unmittelbaren – fußläufigen – Umkreis wohnen, sei es weil die Ausstattung mit öffentlichen Verkehrsmitteln besser ist. Somit zeigt sich laut GfK-Geomarketing im urbanen Raum eine fast vollständige Versorgung der Bevölkerung.

Hinzu kommt aber auch, dass die Grundstückspreise und Mieten in den Metropolen relativ hoch sind, der Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland unter allen Branchen aber die niedrigsten Netto-Umsatz-Renditen erwirtschaftet und bei großem Flächenbedarf nur relativ niedrige Mieten zahlen kann. Nicht ohne Grund sind in den 1970er-Jahren die Lebensmittelanbieter aus den Top-Einkaufslagen verschwunden. Auch das erklärt die überschaubare Zahl von Märkten und Anbietern in den Großstädten.

Große Unterschiede fand GfK-Geomarketing aber nicht nur zwischen kleiner Gemeinde, Mittel- und Großstadt. Auch regional werden Unterschiede festgestellt. So bieten große Mittelstädte in Niedersachsen eine bessere Abdeckung als in Baden-Württemberg. Bei den Kleinstädten ist es laut Weisenberger genau umgekehrt.

Dagegen leben in den ländlichen Gemeinden beider Länder etwa zwei Drittel der Bewohner außerhalb der 800 Meter-Radien. Den höchsten Wert bei der Versorgung erreicht Hannover mit 94%. Den niedrigsten Wert hat GfK-Geomarketing auch in Niedersachsen gefunden: In ländlichen Gemeinden in Ballungsräumen mit  nur 21%.

Gleichzeitig stellte sich heraus, dass – im Schnitt betrachtet – das Lebensmittelangebot in Baden-Württemberg „näher an der Bevölkerung“ ist als in Niedersachsen, was Weisenberger auch auf siedlungsstrukturelle Unterschiede zurückführt. Lebt in Niedersachsen rund 44% der Bevölkerung (knapp 3,5 Mio. Einwohner) weiter als 800 Meter vom nächsten Nahversorgungsbetrieb mit mehr als 400 qm Verkaufsfläche entfernt, sind es in Baden-Württemberg nur rund 39% der Bevölkerung.

Neue Konzepte für kleine Ortschaften gefragt

Daraus ergibt sich Handlungsbedarf für die Kommunen. Denn laut Weisenberger ist „es durchaus möglich, durch eine geschickte Standortwahl die Erreichbarkeit der Lebensmittelmärkte für die Bevölkerung zu erhöhen“, indem sie die Versorgungs- und Wohnqualität ihrer Einwohner durch eine geschickte Steuerung und Flächenvergabe maßgeblich mitgestalten. In manchen ländlichen Gemeinden sei das Potenzial zur Verbesserung der Nahversorgungssituation durchaus vorhanden.

Das Kernproblem, vor dem viele Gemeinden stehen: Sie sind so klein, dass ein großflächiger Filialist nicht rentabel betrieben werden kann, oder ein in der weiteren Umgebung existierender Verbrauchermarkt zu viel Potenzial abschöpft. Abhilfe können laut Weisenberger wiederentdeckte Konzepte schaffen, wie kleiner dimensionierte Verkaufsflächen oder selbstverwaltete Betriebe, die mit einer kleineren Potenzialplattform auskommen. Mit diesem Thema müssen sich immer mehr Gemeinden befassen.

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