Bundesbank-Studie vs. IW Köln – Euro-Krisenländer sind reicher als Deutschland

IW Köln: Äpfel mit Birnen verglichen

Das Vermögen in Deutschland ist ungleich verteilt, so die Währungshüter der Nation in einer neuen Studie. Die reichsten 10% haben einen Anteil von 58,2% am Nettovermögen aller Haushalte. Die von der Bundesbank veröffentlichte Studie „Private Haushalte und Ihre Finanzen“ (PHF) bietet erstmalig detaillierte Daten zur Vermögensstruktur und -verteilung in Deutschland. Zieht man ihre Schulden vom durchschnittlichen Bruttovermögen in Höhe 220.200 Euro ab, bleibt ein Nettovermögen von 195.200 Euro.

Betrachtet man jedoch wie die Bundesbank das sogenannte Medianvermögen, so klaffen die Unterschiede noch weiter auseinander. Werden Haushalte nach ihren Vermögenswerten aufgereiht, so nimmt der Medianwert die mittlere Position ein: Es gibt ebenso viele reichere wie ärmere Haushalte. Der Median des Bruttovermögens liegt bei 67.900 Euro, der Median des Nettovermögens beträgt 51.400 Euro.

Vermögen im internationalen Vergleich

Auch im Vergleich mit anderen Ländern der Eurozone ist der Median in Deutschland niedrig: In Frankreich hat der mittlere Haushalt ein Nettovermögen von 113.500 Euro, in Italien von 163.900 Euro und in Spanien sogar von 178.300 Euro. Ein Grund dafür könnte die ungleiche Neigung zum Immobilienbesitz sein: Während in Frankreich 57,9%, in Italien 68,4% und in Spanien 82,7% der Haushalte zu den Immobilienbesitzern zählen, sind es hierzulande gerade einmal 44,2%. Insbesondere die Mittelschicht ist in Deutschland hauptsächlich Mieter und kein Eigentümer von Wohnraum. Der Immobilienerwerb ist jedoch ein wichtiger Antrieb für den Vermögensaufbau. Dies bestätigen auch die neuen Daten: Während der mittlere Haushalt mit Immobilienbesitz in Deutschland ein Nettovermögen von 160.200 Euro vorweisen kann, hat der mittlere Mieterhaushalt nur ein Vermögen von 10.290 Euro. Die verhältnismäßig geringe Quote der Eigentümer in Deutschland ist unter anderem auf den gut funktionierenden Markt für Mietwohnungen zurückführen. Zudem erwerben die Menschen in Deutschland erst später im Leben eine Immobilie als in anderen Euroländern.

West- besitzt mehr als Ostdeutschland

Auffällig sind auch die großen Vermögensunterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Der Medianhaushalt in Westdeutschland hat ein Nettovermögen von 78.900 Euro, der in Ostdeutschland dagegen nur 21.400 Euro. Auch hier zeigt sich ein Zusammenhang zur Immobilienbesitzerquote: 47,1% der westdeutschen, aber nur 33,7% der ostdeutschen Haushalte sind Eigentümer einer Wohnung oder eines Hauses.

IW Köln: Vorurteilsfrei auf die Zahlen blicken

Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen, meint das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) und regt an, vorurteilsfrei auf die Zahlen zu blicken. Außerdem seien die Gesamtergebnisse der Befragung noch nicht vollständig harmonisiert, also wirklich vergleichbar gemacht worden. Folgende Punkte zeigen allerdings schon jetzt, welche Fallstricke bei der Interpretation der Ergebnisse lauern:

• Die Zahlen für Deutschland bilden das Jahr 2010 ab. In Spanien beziehen sie sich dagegen auf 2008. In diesem Jahr platzte dort die Immobilienblase, sodass das Immobilienvermögen dort sicherlich überbewertet und der anschließende Einbruch der Immobilienpreise nicht erfasst ist.

• Bei den Vermögen handelt es sich um durchschnittliche Haushaltsvermögen. In Deutschland leben durchschnittlich 2,0 Personen in einem Haushalt – in Spanien 2,7. Beim Pro-Kopf-Vermögen verschwinden die Unterschiede zwischen Spanien und Deutschland fast gänzlich.

• Die Eigentumsquote für Häuser und Wohnungen ist in Deutschland mit 46 Prozent deutlich niedriger als im europäischen Ausland, wo Quoten über 80 Prozent üblich sind. Hierzulande besteht ein sehr großer Mietmarkt, der zu knapp 39 Prozent von professionell-gewerblichen Anbietern bedient wird. Das Immobilienvermögen ist damit zu einem Teil als Betriebsvermögen und nicht als Privatvermögen gebunden.

• Das sogenannte Medianvermögen ist in Deutschland tatsächlich niedriger als andernorts. Doch die deutschen Bürger sind durch das Sozialversicherungssystem und die vom Staat bereitgestellten öffentlichen Güter gut versorgt. Die Ansprüche gegenüber der Rentenversicherung sind in den Vermögenswerten allerdings nicht erfasst. □

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