Frankfurt – Profiteur beim Brexit?

Kann der Wohnungsmarkt der Mainmetropole einen Banker-Run aus London verkraften?

Die Entscheidung der Briten, aus der Europäischen Union auszutreten, hat für viel Unruhe in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gesorgt. Auch auf dem Immobilienmarkt der Mainmetropole.

Helge Scheunemann

Helge Scheunemann

Ein Gespräch mit Helge Scheunemann, Head of Research JLL Deutschland

Frage: Da das Bankenwesen für immerhin rund 8 % der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung Großbritanniens verantwortlich ist, steht dieser Sektor im besonderen Fokus der Spekulationen und möglicher Szenarien in der Immobilienbranche. Was heisst das konkret für Frankfurt?

Antwort: Sollten die neuen Dependancen auf dem europäischen Kontinent nicht ausschließlich virtuelle Datenräume sein, was eher unwahrscheinlich sein dürfte, müssen Beschäftigte ihren Standort wechseln. Selbstredend kennt niemand auch nur ansatzweise die genaue Anzahl dieser möglichen Banker-Wanderung über den Kanal. Die Spanne reicht von 3.000 bis zu 40.000 Beschäftigten. Es scheint aber zumindest Fakt, dass sich immer mehr Banken intern auf ein Wanderungs-Szenario einstellen. Ein Zielort dieser Wanderungen wird auch Frankfurt am Main sein. Die Mainmetropole könnte folglich neben anderen europäischen Finanzplätzen wie Paris und Dublin ein Profiteur des Brexit sein.

Frage: Ein Profiteur – in welcher Hinsicht und mit welchen Konsequenzen?

Antwort: Ein zweischneidiges Thema. Ohne Frage.  Ob sich Frankfurt nämlich angesichts einer schon jetzt dramatischen Unterversorgung mit Wohnraum als Gewinner einer solchen Entwicklung bezeichnen darf, ist ein offenes Geheimnis. Große Teile der Bevölkerung haben nämlich auch ohne Brexit schon jetzt enorme Schwierigkeiten, sich die immer teurer werdenden Miet- und Eigentumswohnungen zu leisten. Ein simples „Add On“ von 5.000 oder gar 10.000 Menschen mag für den gewerblichen Immobilienmarkt angesichts einer Leerstandsquote bei Büroimmobilien von 9,1 % gut verkraftbar und sogar wünschbar sein. Für den Wohnungsmarkt dagegen bei einem kaum spürbaren Leerstand von 0,5 %  muss die Verkraftbarkeit einer solchen Zuwanderung zumindest mit einem großen Fragezeichen versehen werden.

Frage: Es gibt also nicht genügend Wohnraum für alle Nachfrager?

Antwort: Bei stark steigender Haushaltszahl dynamisiert sich die Nachfrage nach Wohnraum. Gleichzeitig fällt das Bauvolumen trotz erhöhter Fertigstellungen in den letzten Jahren dennoch nach wie vor zu niedrig aus. Mit rund 3.500 Baufertigstellungen wurden 2015 so viele Wohnungen wie seit über 20 Jahren nicht mehr fertig gestellt. Und: seit 2011 übersteigt die Zahl der Baugenehmigungen deutlich die Zahl der Fertigstellungen, so dass perspektivisch das Neubauangebot in Frankfurt weiter zunehmen sollte. Aber seit 2010 erhöhte sich die Zahl der Haushalte um rund 12 %, gleichzeitig stieg aber der Wohnungsbestand nur um gut 3 % oder um rund 12.500 Wohneinheiten. Stattdessen wären schätzungsweise 50.000 neue Wohnungen erforderlich gewesen, um den Nachfrageüberhang nicht weiter ansteigen zu lassen. Folglich hätten pro Jahr durchschnittlich rund 10.000 Wohneinheiten fertig gestellt werden müssen, tatsächlich waren es hingegen im Mittel nur 4.100 pro Jahr. Dieses Missverhältnis wird auch in den nächsten Jahren angesichts des knapper werdenden Baulands anhalten.

Frage: Kann die deutsche Finanzmetropole tatsächlich von Zigtausenden neuer Einwohner aus London profitieren?

Antwort: Zumindest bei einem gleichbleibendem Angebot auf dem Wohnungsmarkt am Main wird dies zu weiteren Miet- und Preissteigerungen führen. Allerdings ist der reine Brexit-Effekt nur sehr schwer quantifizierbar. Zu ungewiss sind augenblicklich noch wesentliche Komponenten der Wohnraumnachfrage. Auf jeden Fall verschärft jede zusätzliche Nachfrage gegenwärtig die Lage am Frankfurter Wohnungsmarkt. Ein Ausgleich kann nur über eine Angebotsausweitung gelingen. Neben der Ausweisung von neuen Baulandflächen und der verstärkten Kooperation mit den Umlandgemeinden, muss auch das Thema Wohnhochhäuser mit auf die wohnungspolitische Agenda der Stadt Frankfurt. Sonst wird Frankfurt ganz gewiss kein Profiteur des Brexit werden.

 

 

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