Immobilienmarkt Sylt – knapp 3.000 Wohnungen fehlen

Wohl kaum irgendwo in Deutschland prallen Immobilienmarkt-Gegensätze so deutlich aufeinander wie auf Sylt. Die „Insel der Reichen und Schönen“ wird jedes Jahr im Sommer von einer Urlauber-Invasion heimgesucht, hier besitzen Prominente wie BVB-Trainer Jürgen Klopp oder Alt-Barde Reinhard Mey einen Zweitwohnsitz, wohnen für einige Wochen neben Bremer Reedern und Hamburger Optikern, Münchener Restaurantbesitzern und Schweizer Transportunternehmern, die auch nur ab und zu auf dem Eiland in der Nordsee sind. Die Zahl nobler Ferienhäuser wächst, die Zahl von Wohnungen, die sich normalverdiende Insulaner – die Einwohnerzahl beträgt aktuell noch knapp 20.000, laut einer Prognose des Bauamts der Gemeinde Sylt könnte sie in den kommenden 20 bis 30 Jahren sogar auf unter 12.000 sinken – leisten können, dagegen sinkt. Immer mehr Objekte werden mit Annoncen wie „Reetdach-Doppelhaushälfte in Küstennähe“ für drei, vier oder fünf Millionen Euro als Zweitwohnsitz an Reiche von Außerhalb verkauft, die ihre „Hütte“ aber nur für vier, fünf Wochen pro Jahr nutzen. Laut einer Erhebung stammten die Erwerber bei neun von zehn Haus- oder Wohnungsverkäufen nicht von der Insel. Eine Folge: Es fehlt auf Sylt an Dauerwohnraum. Folge: Die Mieten auf Deutschlands beliebtester Insel sind bis auf 700 Euro für weniger als 20 Quadratmeter gestiegen. Das können sich viele alteingesessene Sylter schlicht nicht mehr leisten. Ihnen bleibt nur die Flucht aufs Festland und ein Pendler-Dasein, wenn sie ihren Arbeitsplatz auf Sylt nicht auch aufgeben wollen. So fährt ein Fünftel aller Sylter mittlerweile morgens mit dem Zug auf die teure Nordsee-Sandbank – und abends zurück. Andere suchen sich woanders einen Job. „Wir bluten aus“, klagt Petra Reiber, Bürgermeisterin der Großgemeinde Sylt. Grundschulen (Morsum) und Polizeiwachen (Keitum) schließen, Feuerwehrleute fehlen, Hebammen verlassen die Insel.

Was tun? Laut eines Gutachtens des Berliner Instituts für Stadtforschung und Strukturpolitik fehlen auf Sylt 2.850 Wohnungen – davon 600 bis 800 geförderte. Die Gemeinden möchten bauen, doch die Suche nach geeignetem Bauland ist zäh. Obwohl die Landesregierung Sylt 20 Millionen Euro für den Wohnungsbau zur Verfügung gestellt hat, will Bürgermeisterin Reiber nicht privaten Grund und Boden erwerben. Zu teuer. Ein Beispiel: Im Hobokenweg in Kampen – der Ort hat 500 Einwohner und 1.200 Zweitwohnsitze – kostet ein Quadratmeter Grundstück 35.000 Euro. Reiber versucht der Wohnungsnot stattdessen mit „GRIPS“ entgegenzuwirken. Das Entwicklungskonzept (GeogRafisches Informations- und PlanungsSystem) sieht vor, aus Grundstücken, die in Kommunalbesitz sind, etwa Sportplätze, Friedhofsrandflächen und Wiesen, Bauflächen zu machen. „Nur so können wir Wohnraum für Sylter schaffen“, sagt Reiber. Auch die Gemeinde Kampen will neuen, günstigen Wohnraum schaffen, ohne die private Spekulation anzuheizen: Beschlossen wurde hier, Bundesliegenschaften zu erwerben, auf denen Dauerwohnungen gebaut werden sollen.

Eine andere Idee, das Ungleichgewicht auf dem Immobilienmarkt der Insel zu beheben, hat Gabriele Pauli. Die ehemalige CSU-Landrätin im bayerischen Fürth  und als „rote Rebellin“ tituliert, die sich mit dem Gedanken trägt, im November 2014 für das Bürgermeisteramt der Gemeinde Sylt zu kandidieren, will die Zweitwohnungssteuer auf 20 Prozent erhöhen. Das würde „die Immobilienhaie einschränken“, so die Parteilose.

Auch Sylter, die ihren privaten Dauerwohnraum tage- oder wochenweise an Feriengäste vermieten, könnten demnächst Probleme bekommen: Die schleswig-holsteinische Piraten-Partei hat den Entwurf für ein Wohnraumsicherungsgesetz vorgelegt. Danach sollen Erstwohnbesitzer, die ihr Haus länger als vier Monate am Stück leer stehen lassen, gezwungen werden, dieses zu vermieten. In anderen Bundesländern wie Hamburg gelten ähnliche Regelungen schon. Martin Seemann, Bauamtsleiter der Gemeinde Sylt begrüßt „jedes Mittel, mit dem versucht wird, Dauerwohnraum auf Sylt zu sichern“. Carsten Kerkamm, stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde, ist dagegen vorsichtiger: Ein solches Gesetz würde auch die Insulaner treffen, die sich nur deswegen ein Haus auf Sylt noch leisten könnten, weil sie einen Teil davon an Feriengäste vermieten.

Erster Erfolg der Bemühungen, auf Deutschlands teuerster Insel günstigen Wohnraum zu schaffen: Es wurde beschlossen, mit öffentlichen Geldern 59 bezahlbare Wohnungen für Landesbeschäftigte zu bauen, die auf Sylt arbeiten. Für weitere Neubauten für Normalverdiener gibt es 30 Millionen Euro zinsgünstige Darlehen.

 

 

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