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Karstadt – Berggruen hat Rechnung ohne den Wirt gemacht

 

Werner Rohmert,  Der Platow Brief vom 23.06.2010

Auch nach der jüngsten Verhandlungsrunde steht ein Kompromiss zwischen dem Vermieter-Konsortium Highstreet und Karstadt-Käufer Nicolas Berggruen über die Höhe der Mieten für die Warenhaus-Kette weiter in den Sternen. Da der Kaufvertrag zwischen Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg und Berggruen an eine Einigung im Mietstreit gebunden ist, hängt auch die Karstadt-Rettung weiterhin im Schacht. Der von dem Konsortium bereits zugestandene Mietverzicht im dreistelligen Millionenbereich könnte für Highstreet aber schon jetzt Portfolio-Wertanpassung im Milliardenbereich bedeuten. Je nach Quelle liegt der angebotene, befristete Mietverzicht bei jährlich 50 Mio. bis 70 Mio. Euro. Dabei ist jedoch fraglich, wie Karstadt in drei oder fünf Jahren wieder fähig sein soll, die marktfremde Finanzmiete des Middelhoff-Deals zu bezahlen, zumal Berggruen eine plausibel Wachstumsstrategie für die Warenhaus-Kette bislang schuldig geblieben ist. Wahrscheinlich hat der Einkaufsfaktor damals bei etwa 14 oder 15 gelegen, so dass allein jeder Euro weniger Miete bei gleichem Faktor mindestens 14 oder 15 Euro Wertanpassung bedeutet. Dabei sind wertrelevante neuere Informationen wie z. B. Vermieterrisiken nicht berücksichtigt. Normalerweise wäre schon jetzt eine Milliardenabwertung zu erwarten gewesen. Wahrscheinlich schützt nur die holländische Rechtsstruktur mit einer am Cashflow orientierten Insolvenzregelungen vor der Notwendigkeit, Eigenkapital zu beschaffen, um juristische Konsequenzen zu vermeiden.

Das macht klar, dass bei Highstreet in puncto Miete nicht mehr viel zu verhandeln sein dürfte. Aus Sicht eines internationalen Finanzinvestors, der es nicht nötig hat, sich unter Image-Gesichtspunkten unter Druck setzen zu lassen, fehlt weiteres Verhandlungsinteresse, da entweder das Eigenkapital der Anleger dann sowieso weg ist oder die Vermietungsalternativen interessanter sind. Schließlich hat das Metro-Interesse deutlich gemacht, dass der überwiegende Teil der Karstadt-Immobilien werthaltig ist. Die 60 von Metro angefragten Objekte dürften an der Gesamtzahl der 80 Objekte sicherlich einen deutlich höheren Wert- als Zahlenanteil haben, so dass für mindestens 75%, eher für 85 bis 90% des Portfolio-Wertes schon ein solventer Nachmieter bekannt ist.

Damit dürfte zunächst einmal die realistische Konsequenz darin bestehen, dass Berggruen entweder die aktuelle Situation akzeptiert, dann steht aber noch die gerichtliche Genehmigung aus, oder es noch vor dem 16.7. eine finale Karstadt-Insolvenz gibt. Bei einer Anschluss-Insolvenz könnte Highstreet als Eigentümer der Immobilien rechtlich unproblematisch direkt mit der Kaufhof-Mutter Metro unter Umgehung des Insolvenzverwalters und der Gewerkschaft Verdi neue Mietverträge für die 60 interessanten Objekte abschließen. Die Verkaufserlöse der unvermieteten Einheiten könnten dann zur Tilgung verwendet werden. Das sollte auch für die Banken bzw. im Hintergrund die BaFin eine tragbare Lösung darstellen, die besser ist als jahrelange Unsicherheit und laufender Wertverlust der Immobilien.

Diese Logik ist sicherlich bestechender als die Berggruen-Lösung. Natürlich liegen noch Fallen in den Details, aber die wären beherrschbar. Metro hätte zudem den Vorteil, sein eigenes Personal über noch mehr Standorte verteilen zu können und somit kostengünstigere Personalstrukturen zu erhalten. Das rechtfertigt dann durchaus auch Mietpotenziale gegenüber Highstreet, die besser sind als bei der Karstadt-Alternative mit Personalverpflichtung. Fehlendes Personal könnte aus dem Karstadt Stamm günstig übernommen werden. Die Vorteile einer Fusion von Karstadt und Kaufhof (z. B. deutlich bessere Einkaufskonditionen) wurden im Vorfeld schon diskutiert. Da das aber kein Geheimnis gewesen sein dürfte, bleibt die Frage nach den Motiven bei der Entscheidung für Berggruen als zukünftigem Karstadt-Betreiber. Hier wird immer klarer, dass sowohl Insolvenzverwalter Görg, der Karstadt nur als Ganzes verkaufen wollte, als auch die Gewerkschaft Verdi, die keine weiteren Gehaltsverzichte mehr verhandeln wollte, daran Interesse hatten. Natürlich gibt es noch andere Alternativüberlegungen. So wäre beispielsweise ein Umbau der Kaufhäuser zu Shopping Centern betriebswirtschaftlich und ordnungspolitisch die bessere Lösung, die jedoch viel Zeit und zunächst auch Geld kosten würde. Ob der Vorteil des Wegfalls von Klumpenrisiken für die Banken das Risiko wert wäre, ist allerdings offen.

Im Fazit ist noch nicht einmal klar, ob sich die Entscheidung für Berggruen nicht als phänomenales Eigentor für Karstadt und seine Mitarbeiter herausstellt. Oder es war den beteiligten Profis schon im Vorfeld klar, dass nur so der Weg für eine schmerzhafte Highstreet-/Kaufhof-Lösung mangels Alternativen geebnet werden konnte. Allerdings stellt sich dann die Frage nach dem Berggruen-Interesse. Hier wäre spekulativ denkbar, dass Berggruen von Karstadt zu Kaufhof getragen wird und dort im Bieterverfahren über die Karstadt-Synergie-Effekte die besten Karten im Kaufhof-Preispoker hätte. Zudem hat sich Berggruen als Profi natürlich einen Freibrief für die Schließung unrentabler Standorte einräumen lassen. Nach drei Verlust-Quartalen ist sogar Verdi damit einverstanden.

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Kommentare

2 Kommentare zu “Karstadt – Berggruen hat Rechnung ohne den Wirt gemacht”
  1. Andre Steyer sagt:

    Ich bin mal gespannt wie es ausgeht. Ich kaufte selbst erst Aktien von Arcandor, da ich dachte, das Herr Berggruen es schaffen würde, mit Highstreet diesen Deal auszumachen. Ich bin wirklich geschockt, das Highstreet das Angebot nicht annimt und 25.000 Mitarbeiter auf das Spiel setzt. Würde Karstadt/Quelle allerdings zerschlagen werden, hätten beide nichts davon. Highstreet würde dann auf vielen leeren Immobilien sitzen. Daher verstehe ich die Logik von Highstreet nicht so ganz. Ich kann nur hoffen, das Herr Berggruen das Angebot nicht annimt, um zu sehen wie weit Highstreet im Preis noch weiter runter gehen würde und er es dann später annimt, wenn er sieht das sie nicht weiter im Preis runtergehen…

  2. Torsten sagt:

    Warum wird eigentlich überall dieses Märchen verbreitet: “So wäre beispielsweise ein Umbau der Kaufhäuser zu Shopping Centern betriebswirtschaftlich und ordnungspolitisch die bessere Lösung”? Mehrere Studien haben klar ergeben, dass sich nur sehr wenige Kaufhaus-Immobilien dazu eignen, erinnert sie hier u.a an die großen Töne von ECE, dass sie beinahe alle Hertie-Häuser zu Einkaufszentren umbauen wollten und alle Standort kaufen wollten. Und wie sieht die Realität heute aus? In vielen Städten sind die leerstehenden Hertie-Häuser, aber Shopping-Center sind sie noch lange nicht und werden die meisten auch nie werden. Die Angestellten sind ihren Job aber dennoch los, selbst in den Filialen, die profitabel waren. Ein Untergang der nicht nötig war, begleitet von einem falschen Konzept durch den IV. Die Rettung der Arbeitsplätze hätte nur eine Zerschlagung bringen können und auch das hätte viele Arbeitsplätze gekostet, aber eben nicht alle. Ein Konzept für Hertie-Nord existierte bis vor kurzem noch…

    Eine andere Parallele gibt es zwischen der KARSTADT kompakt/Hertie und Karstadt übrigens auch noch, ver.di war auch damals schon ganz klar auf der Seite für einen Bieter, der alles erhält, das war bei Hertie und dem ganzen Konzept das dort dann verfolgt wurde, ein fataler Fehlgriff, das wird es hier leider (!) vermutlich auch gewesen sein. Bei ver.di sitzen Leute an der Macht, die maximal in der Ideologie noch einen Erfolg sehen können, mit Realität hat das allerdings nur noch wenig zu tun.

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