Logistik-Sparte der Deutschen Bahn forciert Umzugspläne

Manche Bekenntnisse haben kurze Beine, und das neueste Bekenntnis des neuen Vorstandschefs der Deutschen Bahn AG Rüdiger Grube ist ein Beweis dafür. Noch am 13. Juli auf dem „Bahngipfel“ mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit bekannte Grube sich zum Standort Berlin, was Wowereit hoch erfreute. Nun wird bekannt, dass mit Hochdruck die Logistiksparte nach einem anderen Standort sucht. Favorisiert werden Frankfurt am Main und / oder Duisburg.

An dem neuen Standort soll die Zentrale des Ressorts Transport und Logistik gebündelt werden. Betroffen wären über 200 Beschäftigte in Berlin. Auch die Standorte Essen (450 Mitarbeiter) und Mainz (100 Mitarbeiter) würden aufgegeben, so eine Bahn-Sprecherin auf Anfrage von Der Immobilienbrief Berlin. Die Bahn AG versteht sich schon lange nicht mehr nur als Personenbeförderungsunternehmen, sondern will größter Logistik-Konzern der Welt sein, denn schließlich sei man in 130 Ländern aktiv. Das Argument Großflughafen BBI wischte die Sprecherin vom Tisch: Berlin habe weder Hafen noch Luftfahrtdrehkreuz, beides wichtige Voraussetzungen für einen Logistikkonzern, so die Sprecherin. Bis zum Jahresende soll die Entscheidung, die der Aufsichtsrat jetzt vehement einzufordern scheint, fallen.

Dabei verschlechtert sich das Verhältnis Deutsche Bahn AG – Land Berlin auch ohne Zutun von irgendwelchen Umzugsplänen rapide. Vor mehr als zwei Wochen nahm die schwere Vertrauenskrise zwischen der Stadt Berlin und der Deutschen Bahn AG ihren Anfang, das S-Bahn-Desaster begann, das Millionen Berliner und Touristen gegenwärtig Tag und Nacht erleiden. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Von den gesamten Fahrzeugen der DB-Tochter S-Bahn Berlin GmbH ist weniger als ein Drittel technisch bedingt im Einsatz, es gelten Notfahrplan und Schienenersatzverkehr. Frühestens Anfang Dezember soll alles wieder planmäßig rollen. In normalen Zeiten nutzen täglich ca eine Million Fahrgäste die S-Bahn. Grund dieses Verkehrs-GAUs sind die vom Eisenbahn-Bundesamt (EBA) zwar geforderten, aber nicht eingehaltenen Wartungsintervalle von Rädern und Achsen. Nun wird gegen die bereits abgelösten vier Geschäftsführer ermittelt, vorläufiger Höhepunkt der sich häufenden Zwischenfälle bei der S-Bahn war eine Zugentgleisung im Mai, die das EBA endgültig auf den Plan rief. Trotzdem fuhren die Bahnen weiter.

Die nun nicht einsetzbare Fahrzeugflotte jedoch ist nur ein Grund für das Chaos. Der Konzern DB AG hat von seiner Tochter S-Bahn Berlin GmbH gefordert, von 2006 bis 2010 125,1 Mio. Euro einzusparen und abzuführen – Geld, das der Konzern für den einst noch unter Hartmut Mehdorn geplanten Börsengang dringend benötigte. Bis zum Jahr 2009 kamen 56 Mio. zusammen, als Ergebnis rigoroser Einsparungen an allen Ecken und Enden des S-Bahnverkehrs wie Stilllegungen von Ausbesserungswerken, Verlängerung der Wartungsintervalle, Verschrottung noch einsatzfähiger S-Bahnzüge aus DDR-Zeiten und mehreren Entlassungswellen.

Wäre der DB-Aufsichtsrat doch bloß hinsichtlich seines hausgemachten S-Bahn-Problems in Berlin, das bereits im Winter 2008/2009 zu massiven Beeinträchtigungen führte, ebenso konsequent wie bei einem zu diesem Zeitpunkt geforderten, doch sinnlosen Umzug eines Teilkonzerns, ein schlechtes Signal an Berlin. Die Bahn muss viel tun, damit ihre Signale auch im Personenverkehr wieder grün für Berlin leuchten können. Im Herbst will Berlin den Vertrag über die Erbringung von Verkehrsleistungen durch die S-Bahn, der eigentlich bis zum Jahr 2017 gilt, nachverhandeln. Bereits im Winter wurden die Mittel für im Vertrag vereinbarte, aber nichterbrachte Leistungen gekürzt und das freiwerdende Geld der BVG zur Verfügung gestellt, die baute damit dringend benötigte Personenaufzüge an U-Bahn-Stationen.

Nach vorläufigen Berechnungen kostet das ganze Desaster die Bahn AG 100 Mio. Euro. Die ersten sieben Millionen will die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bereits im August einbehalten. Das wird bitter für die Bahn, denn bei funktionierendem Betrieb überweist der Senat jährlich mehr als 230 Mio. Euro. Zusätzlich muss die DB auch den Schienersatzverkehr der BVG und der anderen Unternehmen finanzieren. Diese Kosten werden auf bisher 20 Mio. Euro geschätzt. Die angekündigten Entschädigungen für Abonnenten von Jahreskarten u.ä. sollen noch einmal 25 Mio. Euro betragen. Und das ist längst nicht alles: Bei Neuausschreibungen von 16 Strecken im Regionalverkehr in Ostdeutschland haben sich die Länder Berlin, Brandenburg, Meck-Pom und Sachsen-Anhalt zusammengeschlossen. Den Zuschlag erhielt die Ostdeutsche Eisenbahn GmbH, die Länder sparen 35 Mio. Euro im Jahr. Bisher hatte die Bahn AG das Monopol, denn sie hatte den Zuschlag in den 90er Jahren ohne Wettbewerb erhalten und sich die hohen Landeszuschüsse gesichert. Damit ist nun Schluss.

Bei den beiden bisherigen Krisentreffen Land Berlin – Bahn AG ließen die Konzernvertreter auch nicht den Hauch einer Einsicht erkennen. Der neue Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg stellte das Rad- und Achsenproblem als eine Ausnahmesituation dar (Hersteller Bombardier). Zudem wird kolportiert, dass Verantwortliche für den rigorosen Sparkurs beileibe nicht entlassen, sondern sogar noch aufgestiegen sein sollen. Fehler nicht einzugestehen scheint bei der Bahn AG Usus zu sein, siehe Mehdorn und die Datenaffäre. Die Berliner Zeitung „Der Tagesspiegel“ kommentiert das so: „Denn das in einer europäischen Millionenstadt der öffentliche Verkehr zusammenbricht, nicht etwa infolge von Streik oder Krieg, sondern einfach nur durch Missmanagement, so etwas kommt, historisch gesehen, ähnlich selten vor wie die Teilung einer Millionenstadt durch eine Mauer.“ Nur Grube, Homburg & Co. haben absolut nichts begriffen.

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