Twitter ist nicht unbedingt der beste Investment-Ratgeber

Welchen Einfluss haben mediale Überinterpretationen? 

Tobias Kotz, Leiter Institutionelle Kunden bei der Real I.S. AG

Nicht erst, seitdem Politiker ihre Meinung und Botschaften im Sekundentakt via Twitter weltweit verteilen ist klar, dass situative Aussagen eine nicht zu unterschätzende Kraft für Bewegungen von Gruppen oder ganzen Gesellschaftsteilen haben. Deshalb ist es wichtig, zu reflektieren, welche Tagesnachrichten die eigenen langfristigen Investmententscheidungen beeinflussen. Noch vor einigen Monaten gab es Meinungen, die besagten, dass die Gesetze der Märkte außer Kraft gesetzt seien. Als Ursache hierfür wurde die Niedrigzinspolitik der Notenbanken genannt, die sämtliche Marktentwicklungen nivellieren würde. Nun ist zu hören, dass politische Entscheidungen zunehmend die Immobilienmärkte dominierten. Bei all diesen Thesen wird jedoch ihre Bedeutung für die Märkte von den Medien teilweise falsch interpretiert und überbewertet. Investoren, die von Markttrends profitieren wollen, sollten sich daher nicht zu sehr von einzelnen Tendenzen leiten lassen. Entscheidend ist vielmehr der genauere Blick auf den jeweiligen Immobilienmarkt und welchen Einfluss die Nachrichten darauf tatsächlich haben.

 

In Großbritannien zeigen beispielsweise Erhebungen der European Association for Investors in Non-Listed Real Estate Vehicles (INREV), dass nicht börsennotierte britische Immobilienfonds im Jahr 2016 eine Rendite von 2,2% erzielten, während es ein Jahr zuvor noch 12% waren. Die entsprechenden Ergebnisse auf den deutschen, französischen und niederländischen Märkten fielen deutlich besser aus: Teils wurde der Vorjahreswert um mehr als vier Prozentpunkte übertroffen. Diese Zahlen haben für Unsicherheit in Bezug auf das Vereinigte Königreich gesorgt und werden mit dem bevorstehenden Brexit in Verbindung gebracht. Es besteht kein Zweifel, dass sich der Ausstieg aus der Europäischen Union auf den britischen Immobilienmarkt auswirken wird und Londoner Investments höheren Risiken ausgesetzt sind. Wir rechnen mit einer Marktkorrektur. Doch die tatsächlichen Folgen des Brexits sind aktuell nur schwer absehbar. Langfristig kann der Markt für Investoren mit einem passenden Risiko-Rendite-Profil durchaus interessant sein.

Ähnliche mediale Überinterpretationen erleben wir im Euroraum. So wird zum Beispiel in Paris die aktuelle Dynamik des Büroimmobilienmarkts unter anderem dem Wahlsieg Emmanuel Macrons zugeschrieben. Eine genaue Analyse zeigt: Neben den konstant nachgefragten Core-Objekten in Vorzugslagen besitzen wandlungsfähige Büroflächen aktuell großes Potenzial. Denn immer mehr Start-ups zieht es an die Seine. Dabei werden aufstrebende Viertel wie das neunte oder zehnte Arrondissement, welche günstigere Mietkonditionen und gleichzeitig eine hohe Aufenthaltsqualität bieten, von jungen Unternehmen bevorzugt. Diese Lagen rücken daher für Investoren mit einer Value-Add-Strategie zunehmend in den Fokus.

Wie wichtig der Blick auf die Wirtschaft und regionale Markttrends ist, zeigt sich auch in Deutschland: Es mag für Investoren eine Rolle spielen, dass die Bundesrepublik von der Niedrigzinspolitik profitiert – aber für Berlin kann das nicht der einzige Wachstumsgrund sein, zumal dort keiner der DAX-Konzerne seinen Hauptsitz hat. Dennoch verzeichnet die Spreemetropole bei den Spitzenmieten den stärksten Zuwachs in der Bundesrepublik: Mit 28 Euro pro qm im ersten Quartal 2017 beträgt die Steigerung im Vorjahresvergleich beinahe 17%. Dies wurde der Stadt vor einigen Jahren nicht zugetraut. Es gab dort ebenfalls eine rasante Entwicklung im Bereich der Online-Unternehmen. Inzwischen ist Berlin auch global betrachtet einer der wichtigsten Hotspots in diesem Segment. Es gilt, genau diese spezifischen Markttrends zu erkennen und ihr Potenzial einzuschätzen.

Mein Fazit: Natürlich sind ökonomische und politische Entscheidungen wichtig für Investoren. Allerdings kommt es darauf an, diese Ereignisse auf die einzelnen Märkte zu beziehen, und zu bewerten, welchen Einfluss sie auf das individuelle Investment haben. Das sind die entscheidenden Kriterien für Investoren und nicht etwa eine häufig notgedrungen zugespitzte Berichterstattung oder punktuelle Tweets

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