Berlin wird touristischer Magnet – des einen Freud, des anderen Leid

30.März 2011   
Kategorie: News

Berlin kann sich mit vielen Eigenschaftswörtern schmücken, es ist nicht nur arm, aber sexy – so wie es der Regierende gern sieht. Nun schickt sich Berlin an, der touristische Magnet international zu werden. Allein im Jahr 2010 gab es über 20 Mio. Übernachtungen, 22 Mio. Flugpassagiere, und als ob diese Zahlen nicht schon ausreichten – Steigerungen sind noch allemal drin. Berlin Calling – heißt es, und jeden Freitagabend schütten die Billigflieger ganze Passagierladungen aus aller Welt
auf den Flughäfen aus, die nur eines im Sinn haben: Party bis zum Montagmorgen oder noch später.
Doch wie sagt der Volksmund? Des einen Freud, des anderen Leid. Die Einwohner der Szene-Bezirke wie Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln u. a. fühlen sich überrannt, in ihrer nicht nur Nachtruhe gestört, kein Park, keine Brücke, Straße ist vor den
auch Freiluft-Party-Gängern sicher. Der Touri-Ansturm hat gleich zwei völlig abstruse, ziemlich hitzig geführte Debatten angestoßen. Und das Merkwürdigste dabei sind die Fürsprecher der Gegner dieses Ansturms: So ist ausgerechnet die Partei Bündnis 90/Die Grünen zum Wächter der Kieze avanciert und meint, sie müsse die Einwohner von Kreuzkölln und Friedrichshain – den eigentlichen Epizentren des feucht-fröhlichen immerwährenden nächtlichen Treibens – und anderswo vor dem wilden Partygetümmel schützen. Nichts mehr mit Mutikulti, besonders jene fürchten um die einst so schöne „soziale Mischung“ z. B. im Bergmannkiez, die selbst vor etwa 30 Jahren vom freien liberalen und ungezwungenen Leben in (West)Berlin angezogen wurden und Wohn- und Lebensformen aller Art ausprobierten …
Das andere Leid, das eigentlich viel schwerer wirkt, ist das der Berliner Wohnungssuchenden. Denn umtriebige Hausbesitzer glauben, die Gunst ihrer Stunde zu erkennen und vermieten an genau die Partygänger Wohnraum in den besten Lagen zu horrenden
Mieten, die sich auf dem regulären Wohnungsmarkt nicht erzielen lassen würden. Schon wird wieder ein Zweckentfremdungsverbot für Wohnraum diskutiert. Doch erst einmal fehlen verlässliche Daten über die entsprechenden Teilräume und das
Zweckentfremdungsverbot von Wohnraum ist ja gerade vor nicht allzu langer Zeit gekippt worden …
Doch der Tourismus in Berlin hat sich längst als zentraler Wirtschaftsfaktor der Stadt etabliert. Den Touristen dürfe nicht vorgeworfen werden, dass sie nutzten, was sie vorfänden, heißt es aus dem Senat. Auch dürfe die entstandene Willkommenskultur
nicht gefährdet werden. Nun wird überlegt, auch Ferienwohnungen mit den gleichen Auflagen wie Beherbergungsstätten über zwölf Betten zu belegen. Wir sind gespannt. Auch jüngst auf der ITB, der größten Tourismusbörse weltweit, zeigte sich die Fachwelt
von dieser abstrusen Diskussion ziemlich unbeeindruckt. Seien Sie versichert – Sie sind jederzeit in Berlin als Gast willkommen!

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