Nachgefragt: Was wird aus Kamp-Lintfort nach dem Bergbau

Seit der Immobilienbrief Ruhr im Juli 2012 aus Kamp-Lintfort berichtete, endete hier die Kohleförderung mit der letzten Schicht und die Ergebnisse des Masterplan-Wettbewerbs für die Zeit nach der Zechenschließung liegen vor.

Auf der Grundlage vorgeschalteter Gutachten waren fünf interdisziplinäre Planungsteams in einem Werkstattverfahren aufgefordert worden, Vorschläge für eine zukunftsfähige Nutzung auf dem jetzigen Gelände des Bergwerks West zu erarbeiten. Statt sich für einen einzigen Entwurf zu entscheiden, sprach sich die Jury für zwei Elemente aus zwei Entwürfen aus, ein ungewöhnliches Ergebnis. DIB Ruhr sprach darüber mit Christa Reicher, Professorin für Raumplanung der TU Dortmund und Juryvorsitzende, Hans-Peter Noll, Vorsitzender der Geschäftsführung der RAG Montan Immobilien, und dem dortigen Projektleiter Hermann Timmerhaus.

Nach der letzten Förderschicht am 21. Dezember 2012 wurde das Bergwerk West in Kamp-Lintfort still gelegt. Wie geht es jetzt weiter?

Noll: Zunächst muss man sich klar machen, dass die Schließung der Zeche ein schwerer Schlag ist für eine Stadt, die es ohne die Kohleförderung wohl gar nicht gäbe. Kamp-Lintfort entstand aus dem Kloster Kamp und mehreren Bauernschaften rund um die Zeche. Früher arbeiteten hier mal bis zu 7.000 Bergleute, jetzt sind immer noch 2.500 Beschäftigte betroffen. Die untertägige Arbeit wird noch etwa ein Jahr in Anspruch nehmen, insgesamt dauert es ca. 3 Jahre, bis die RAG den Standort übergeben kann. Das große öffentliche Interesse haben wir mit mehreren öffentlichen  Bürgerarenen aufgefangen, an denen sich nicht nur Betroffene, sondern auch viele Fachleute aus
der Region und von außerhalb beteiligten.

Warum jetzt schon Pläne schmieden für die Zeit danach?

Noll: Vieles kann schon im Vorfeld koordiniert werden, wenn man weiß, wohin die Reise gehen soll. So kann gemeinsam mit der Bergbehörde das Verfahren zur Beendigung der Bergaufsicht betrieben werden, so können z.B. die Ergebnisse der Bodengutachten schon in die Nachnutzungsplanungen einfließen. Bei alledem kooperieren wir eng mit der Stadt, bei der letztlich die Planungshoheit liegt.

Reicher: Seit Zeiten der IBA Emscherpark hat es sich bewährt, parallel und nicht hintereinander geschaltet tätig zu werden. So können Verfahrensschritte gebündelt werden. Eine wichtige Weichenstellung bedeutete bereits die Entscheidung von Stadt und Land NRW, die neue Hochschule Rhein-Waal fußläufig zur City und direkt nördlich des Zechengeländes anzusiedeln und nicht in damals leer stehenden Gebäuden von BenQ weiter südlich jenseits der Zeche und damit abseits der Stadtmitte.

Was bedeutet das für das Zechengelände?

Reicher: Das war ein Vorschlag des Gestaltungsbeirats, der aufgegriffen wurde, weil die Hochschule jetzt quasi als Gelenk und Impulsgeber zwischen der Innenstadt und dem Zechenareal entlang der Friedrich-Heinrich-Allee fungieren kann.

Timmerhaus: Es bestehen ja bereits enge Verbindungen zur Hochschule. Nicht nur dass ein Teilgrundstück für studentisches Wohnen verkauft werden konnte, sondern auch die alte
Ausbildungswerkstatt der Zeche im südlichen Abschnitt wurde schon an den Lehrbetrieb der Hochschule übergeben. Außerdem hat RAG bereits vor der Stilllegung eine rd. 2 ha große Teilfläche im Norden des Bergwerks für die Hochschulnutzung zur Verfügung gestellt,  ein bisher einmaliger Vorgang.

Worin bestand die Aufgabe für die Wettbewerbsteilnehmer?

Noll: Grundsätzlich geht es um ein städtebaulich flexibles und nachhaltiges Konzept  für das 40 ha große Zechengelände, dass weit größer ist, als die angrenzende Innenstadt. So eine Fläche kann man nicht sich selbst überlassen, da muss die Gesamtwirkung der Entwicklung für die Stadt und deren Freiraumplanung beachtet werden.

So ist die Friedrich-Heinrich-Allee, an der die größte Zahl der denkmalwerten  Bestandsgebäude der Zeche liegen zugleich Hauptzufahrtstraße in die Stadt aus Richtung Süden. Um diese Bestandsgebäude zu erhalten, müssen wir über mögliche Folgenutzungen nachdenken.

In Nord-Süd-Richtung durchzieht der derzeit durch das Bergwerk gespeiste Wasserlauf der Großen Gorley das Gebiet und es sind Konzepte erforderlich, wie deren Wasserführung nach der Zechenschließung gestaltet werden kann.

Parallel dazu verlaufen Schienenstränge der Zechenbahn – die in Zukunft für eine Personenverkehrsanbindung nach Duisburg genutzt werden können. Dazu gibt es sogar konkrete Pläne,  denn Kamp-Lintfort hat bisher keine Bahnanbindung.

Um dieses komplexe Entwicklungsvorhaben auf die Spur zu bringen haben wir gemeinsam mit der Stadt fünf Teams beauftragt, von denen wir neben Raumplanung und Landschaftsgestaltung auch Aussagen z.B. zu Wirtschaftlichkeit, Verkehrsentwicklung und Lärmschutz erwartet haben, um das erforderliche zukunftsfähige stadtplanerische Konzept zu entwickeln.

Timmerhaus: Aus den verschiedenen Graden der Bodenbelastung ergeben sich zwangsläufig Restriktionen für die Nutzbarkeit des Geländes. Kritisch ist der Bereich der ehemaligen Kokerei, dieser legt eine Teilung des Gesamtareals in Längsrichtung nahe je etwa zur Hälfte als Freiland und als Entwicklungsfläche für verschiedene Nutzungen sowohl im Bestand als auch mit Neubauten.

Sind bei den öffentlichen Diskussionen auch Wünsche geäußert worden?

Reicher: Ganz wichtig ist den Menschen eine Öffnung zu den östlich angrenzenden Wohnvierteln und viel Grün mit Wohnen und Spielen am Wasser. „Wir haben genug Beton in Kamp-Lintfort u. a. umliegenden Städten“, war eine der Aussagen. Dem kommen die jetzt gekürten Entwürfe entgegen.

Welche sind das?

Reicher: Für die westlichen Teilflächen der Vorschlag von spap Generalplaner aus Dortmund und für den östlichen Bereich mit den Freiflächen der Vorschlag von LOIDL Landschaftsarchitekten aus Berlin. Beide hatten ihre Entwürfe aber mit anderen Partnern vorgestellt.

Was sind die Vorteile dieser Entwürfe?

Noll: Im Wesentlichen sind es zwei Aspekte: Der Entwurf für eine Bebauung berücksichtigt die Zonengliederung, die wir an Hand unserer bisherigen Untersuchungen vorgenommen haben, und ermöglicht eine schrittweise Entwicklung. Das lässt Raum für kreative Lösungen, wie sie auch in den Bürgerforen gefordert wurden. Ähnlich offen und flexibel ist der Freiraumplan, der sich in eine Waldzone beidseits der östlichen Schleife der Bahntrasse und ein großes Wiesengelände gliedert. Das lässt Raum für viele unterschiedliche Aktivitäten und verursacht geringere Folgekosten als stärker überformte Parks mit ihrer Möblierung. Auch sind die Wegeverbindungen hier gut gelöst.

Anders herum gefragt: Warum überzeugten die anderen Plänen nicht?

Reicher: Andere Projekte waren als Graphiken ansprechend, würden aber nur in Gänze oder gar nicht funktionieren. Was Kamp-Lintfort braucht, sind sowohl Perspektiven auf lange Sicht als auch tragfähige Bilder, die in Abschnitten mit temporären Zuständen noch funktionieren und überzeugen. Es gilt nicht nur, das Image des Ortes zu bewahren, sondern eine Vorstellung davon zu geben, welche Chancen sich der Stadt hier öffnen.

Wie realistische sind diese Chancen?

Noll: Wir reden hier von Entwicklungen über 20 Jahre und mehr. Um nur eine Vorstellung von den Größenverhältnissen zu geben: Der heutige Bestand an Büroflächen in Kamp-Lintfort würde komplett in dem Gebäudebestand der Zeche Platz finden. Auf die RAG Montan Immobilien kommt hier eine Langzeitaufgabe zu nicht nur mit Flächenvermarktungen, sondern ggf. auch als Projektentwickler, wie wir es bereits z.B. auf Zollverein tun.

Wer übernimmt die Kosten des Planungsprozesses?

Noll: Die verteilen sich auf mehrere Schultern. Zunächst ist die RAG als Betreiberin der Zeche gesetzlich verpflichtet, alles dafür zu tun, dass von dem Standort keine Gefahren mehr ausgehen. Dann investiert die RAG Montan Immobilien in vorbereitende Studien und Planungen für die künftige Erschließung des Standorts. Die dritte Säule sind öffentliche Fördermittel, in diesem Falle z.B. mit einer 80%igen Quote, für den Wettbewerb und darauf bezogene Voruntersuchungen. Dies ist in jedem Falle sinnvoll und gerechtfertigt, denn die Stadt muss inhaltlich gerüstet sein, um möglichen Investoren gegenüber die Prozesse zu steuern.

Was sind die nächsten Schritte?

Timmerhaus: Die beiden Beiträge aus dem Wettbewerb müssen nun zu einem Masterplan zusammengeführt werden. Daran muss sich der Sanierungsplan mit seinen Maßnahmen zur Bodensanierung ausrichten können und er soll die Grundlage für künftige Bebauungspläne darstellen. Damit wird die Zukunft des Zechenareals jetzt konkret auf den Weg gebracht. Aber auch in diesem laufenden Prozess wollen wir den Dialog vor Ort fortsetzen.

Das Gespräch führte Gudrun Escher

 

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