Intview mit Bianca Praetorius: „Für mich ist das Internet wie mein zweites Gehirn…“

18.März 2020   

Kategorie: Artikel der Woche

Bianca Praetorius, Startup-Pitch-Coach und Moderatorin der ersten „Reboot“, über das Leben in mehreren Realitäten, „Lust drauf haben“ als Lebenswegweiser der Millenials, und warum der „Coolness-Faktor“ ihrer Generation darin besteht, wenig zu besitzen

Du hast mal über Dich gesagt: Abi gerade so bestanden, Studium nicht hinbekommen, Schauspielausbildung erst nach 38 Absagen anfangen können. Hast Du Dich jemals als Versagerin gefühlt?

Bianca Praetorius: Ich habe mich schon gefragt: Gibt es überhaupt irgend etwas, das Du kannst? Erst habe ich mit dem Studium der Soziologie, Philosophie und Psychologie begonnen und schnell festgestellt, dass das eigentlich nichts für mich ist. Etwas zu viel Statistik, aber vor allem zu viel Theorie auf Papier. Ich wollte in die großen Ideen dieser Welt eintauchen und lernen, die Probleme und Herausforderungen von heute angehen zu können. Das war meine wirkliche Motivation: Dinge voranbringen und so ein bisschen zur Veränderung und Verbesserung der Welt beitragen. Aber so lief das nun mal nicht. Deshalb dachte ich, dass möglicherweise das  Theater mehr meine Sache wäre. Da hoffte ich, in die verkörperte Ebene des Weltgeschehens eintauchen zu können. Aber auch das entpuppte sich als Einbahnstraße. Ich habe schnell gemerkt, dass ich keine Schauspielerin bin und mich die Wirkung des Schauspiels mehr interessiert als die Arbeit an der Darstellung. Es war schon enttäuschend, festzustellen, dass ich nirgends so richtig hingehörte, und ich fühlte mich schon ein bisschen verloren. Erst mit Mitte zwanzig habe ich kapiert: Hey Moment mal, ich bin gar nicht blöd!“

Mit Mitte zwanzig noch nicht so recht zu wissen, wer man ist, und was man will, ist ja nicht verwerflich. Andererseits hat man den Eindruck, dass Eure Generation insgesamt viel selbstbewusster durchs Leben marschiert, als wir Babyboomer das getan haben …

Das ist meines Erachtens eine Fehleinschätzung. Ja, es gibt die ganz Toughen unter uns, die schon mit zwanzig ihr erstes Startup gründen oder das Studium in Rekordzeit absolvieren. Aber diese Leute hat es sicher auch schon früher gegeben. Im Gegensatz dazu gibt es viele junge Menschen, die sehr unsicher sind und sich selbst in Frage stellen. Social Media ist Segen und Fluch zugleich. Du denkst, reflektierst ständig Deine Wirkung; selbst und von Außen. Das bringt Selbst-Bewusstsein und gleichzeitig die Angst des Nicht-Genug-Seins mit sich. Ein aktuell interessantes Beispiel ist Tik Tok – eine kostenlose App, die schon seit längerer Zeit die Download-Charts in China anführt. Aber auch bei uns wird sie immer mehr genutzt. Tik Tok ist ein soziales Netzwerk, ähnlich wie Instagram, aber anstatt von Bildern werden kurze selbstgedrehte Videos verschickt – fast immer mit Musik untermalt. Unglaublich kreativer Content, selbst ausgedacht, humorvoll und originell. Aber was da manchmal an Selbsthass zutage tritt, ist dennoch erschreckend. In diesen Videos offenbaren sich richtige Dramen, weil die Kids verzweifelt sind und sich fragen, ob sie schön genug sind, ob sie wer mag, und was sie wert sind. Zumindest ein Teil der Videos ist nichts anderes als ein Hilferuf.

Teenager scheinen zu allen Zeiten verzweifelt zu sein. Heutzutage haben sie weltweite Plattformen, um sich auszutauschen. Früher waren sie allein verzweifelt in ihrem stillen Kämmerlein…

Ja, das ist sicher so gewesen. Aber heutzutage haben sie vielleicht gerade aufgrund der vielen Möglichkeiten und der Eindrücke, die auf sie einprasseln, zusätzlichen Stress. Dazu kommt der Druck aus der Gruppe, die ja durch die Welt des Internets viel größer ist als früher, als man nur die anderen Mitschüler hatte. Heute kann Dich die halbe Welt mobben und fertig machen.

Manchmal ist es offenbar doch gut, nicht mehr jung zu sein. Da muss man sich auch nicht mehr erklären, was man mal mit seinem Leben anfangen will. Was antwortest Du, wenn Dich jemand nach Deinem Beruf fragt?

 Gute Frage. Ich verdiene mein Geld als Pitch-Coach. Aber die Hälfte meiner Zeit verbringe ich damit, mir innovative Projekte auszudenken, die ich dann umsetze. Ich hatte jedoch bislang nie einen festen Job, sondern war immer selbstständig. Fühlt sich richtig an und funktioniert wunderbar.

Wie kommt man dazu, Pitch-Coach zu werden?

Wie immer im Leben, war es ein Zufall, der mich dazu gebracht hat. Ich habe mal in Berlin an einem Abendessen teilgenommen, bei dem junge Tech-Startups ihre Ideen vorgestellt haben. Und das war wirklich gruselig. Vor allem die jungen Männer hatte enorme Probleme, sich und ihre Arbeit – die übrigens hervorragend war – darzustellen. Die konnten niemanden in die Augen schauen, nuschelten vor sich hin und kamen beim Publikum einfach nicht an. Später bin ich dann zu einem der Jungs gegangen und habe ihm vorgeschlagen, doch am nächsten Tag mal vorbeizukommen; wir könnten dann so eine Präsentation üben. Und tatsächlich kam er und bot mir doch glatt Geld dafür an, dass ich ihm ein paar Tipps gegeben hatte, wie er sich hinstellen sollte, wie er gestikulieren sollte, wann er das Publikum ansehen muss… Am nächsten Tag stand ein Kollege von ihm auf der Matte. Und ruckzuck verwandelte sich dieser spontane Idee durch Mundpropaganda in einen Full-time-Job. Die Startups selbst haben ja meist kein Geld für Beratung. Aber hinter ihnen steht ein Accelerator, ein sogenannter Beschleuniger oder Geldgeber. In meinem Fall war das die Telekom, was ein echter Glücksfall war.

Sicher kein „normaler“ Berufseinstieg. Aber ich vermute, dass die Schauspielausbildung dann doch nicht ganz nutzlos war…

Hier schloss sich sogar ein Kreis für mich! Gerade weil ich 38 mal abgelehnt wurde, bin ich ein guter Pitch-coach. Die besten Fußball Trainer waren ja selbst vorher nie in der Nationalelf. Durch das viele Vorsprechen habe ich unfreiwillig eine Zusatzausbildung gemacht, wie man Monologe so richtig versaut und wie eben nicht. Im Prinzip ist ein Monolog nichts anderes als ein Pitch: Du musst binnen kurzer Zeit zeigen, wer Du bist und andere für Deine Idee begeistern. In der Technologiebranche ist das eine Art Zauberkraft.

Inzwischen redet die ganze Welt von Digitalisierung und meint damit meist die technische Seite – mit der man sich auseinander setzen muss. Für Menschen jenseits der vierzig ist das häufig kein Vergnügen. Was hat Eure Generation den Älteren voraus?

Technische Entwicklungen an sich sind schwer greifbar. Wie soll man sich beispielsweise ein „smartes“ Netzwerk vorstellen. Das fällt natürlich umso schwerer, wenn man nicht damit groß geworden ist. Meine Generation kennt gar nichts anderes mehr. Für mich ist das Internet wie mein zweites Gehirn, und ich bin gewohnt, in nur zwei Klicks Antworten auf meine Fragen zu bekommen. Bei uns muss alles schnell und vielleicht sogar gleichzeitig gehen. Auf jeden Fall hat meine Generation durch diese Schnelllebigkeit nicht viel Geduld. Alles muss sofort passieren. Die Haupttreiber dieser Entwicklung sind natürlich die sozialen Medien, die mehrere Realitäten gleichzeitig schaffen. Die Omnipräsenz des Internets ist ein guter Zeitvertreib – alles andere muss damit konkurrieren. Das kommt einer Kulturrevolution gleich und verändert die Gesellschaft massiv.

Wie hat sich Dein Einkaufsverhalten verändert?

Mein Leben ist komplett digitalisiert. Früher habe ich viel in den Läden herumgestöbert, mich umgeschaut, aber nur selten etwas gekauft, weil ich nicht das Geld dafür hatte. Jetzt habe ich mehr Geld, gebe aber weniger aus, weil ich nicht mehr so viel kaufe. Einkaufen zu gehen frustriert mich. Wenn ich beispielsweise einen grauen V-Neck-Kaschmirpulli suche, finde ich ihn nicht unbedingt im nächsten Geschäft. Das heißt, ich müsste dafür durch halb Berlin laufen und komme eventuell ohne Pulli nach Hause. Das nervt. Da kann ich besser gleich ins Internet gehen, den Pulli bestellen und muss mich nicht ärgern.

Damit besiegelt Deine Generation endgültig das Schicksal des stationären Handels …

Nicht unbedingt. Wenn ich mal zurückschaue, in die Geschichte der Digitalisierung, war da zuerst E-Commerce, dann folgten die Banken und Versicherungen, dann die Verwaltungen, die sich der digitalen Welt öffneten. Der Bereich Property kam erst sehr zögerlich und langsam hinterher. Aber das könnte sich jetzt als Vorteil erweisen. Der stationäre Handel kann viel aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Denn neue Strukturen, die die Welt so grundlegend verändern, sind nie fehlerfrei. Wir wollen alle, dass die Innenstädte wieder mit Leben gefüllt werden. Auch die jungen Leute haben Sehnsucht nach authentischen Treffen und wollen gar nicht immer alles nur im Netz erleben. Das ist schon fast ein Fetisch heutzutage: Ah, Hardware! Das Internet kennen wir gut; aber das Leben in der realen Welt mit Menschen und Dingen zum Anfassen sind vielen von uns schon fast fremd geworden. Shopping Center, wie sie jetzt noch existieren, brauchen wir sicher künftig nicht mehr. Aber darin liegen auch Chancen, etwas ganz anderes draus zu machen.

Das wird schon versucht. Dennoch hat man den Eindruck, dass es nicht so richtig funktioniert. Kapieren wir nicht, wie ihr tickt?

Das kann schon sein. Junge Leute sind heute viel stärker Lust getrieben. Wir sagen, wenn wir schon acht Stunden arbeiten müssen, dann bitte nur in einem Job, den wir mögen und das Gefühl haben, etwas verändern zu können. Niemand will mehr „Corporate Soldier“ sein, sondern in seinem Job wachsen. Man bleibt nicht in einem Job, der einem nichts gibt und nicht weiterbringt. Das Lebensmotto ist vielmehr: Du lebst nur einmal; mach was draus!

Das hat man früher auch so gesehen. Aber die Realität hat meist anders ausgesehen, weil man schnell viele Verpflichtungen hatte und aus der Tretmühle nicht mehr rauskam. Außerdem waren da auch die Eltern, die gesagt haben: Du kannst doch Deinen Job nicht einfach so kündigen. Seid Ihr mutiger?

Unsere Eltern haben uns meist in allem bestärkt, was wir so angefangen haben. Die wenigsten Eltern erziehen noch autoritär. Außerdem haben wir häufig auch gesehen, wie wenig sie ihre Jobs mögen und mit der Abzahlung des Eigenheims kämpfen. Vielleicht sind uns auch deshalb Statussymbole wie Autos, teure Klamottenmarken oder das nette Häuschen nicht mehr wichtig. Im Gegenteil: Das ist alles Ballast. Der Coolness-Faktor besteht vielmehr darin, wenig zu haben – das aber hochwertig. Es geht aber nicht um Verzicht, sondern darum, Akzente zu setzen. Wir wollen nachhaltig leben, deshalb sollten die Dinge, die wir besitzen, auch nicht nach vier Wochen kaputt sein. Dafür dürfen sie aber ruhig teuer in der Anschaffung sein. Theoretisch brauchen wir nur ein Handy, einen Laptop und eine Kreditkarte – so lässt sich schnell und unkompliziert durch die Welt reisen. Die Popkultur meiner Generation ist Entrepreneurship – wir machen was selbst, entwickeln neue Ideen und schaffen neue Unternehmenskulturen. Der Wunsch nach Selbstbestimmung ist enorm groß. Die Popkultur der neuen Generation – ich bin ja schon 35 – ist übrigens Nachhaltigkeit und Digitalisierung als Naturgesetz.

Sind hierarchische Strukturen der Grund, warum auch die politischen Parteien so wenig Zulauf an jungen Leuten haben?

Flache Hierarchien sind ein Trend. Aber mir ist schon klar, dass das im Alltag und auch in einer Partei nicht eins zu eins umzusetzen ist. Du kannst nun mal nicht mit jedem diskutieren und jeden nach seiner Meinung fragen.

Dennoch bist Du politisch engagiert und hast „Demokratie in Bewegung“ mit gegründet. Was unterscheidet Euch von anderen Akteuren?

Uns verbindet nur ein Wertekodex. Jeder kann selbst an unserem Programm mitschreiben. Es ist der Versuch, die digitalen Möglichkeiten in eine Partei hinein zu designen. Hört sich abgehoben an, ist aber sehr pragmatisch. So wie wir leben, können wir nicht nach jedem Umzug wieder in irgendeinen Ortsverband eintreten und von vorn anfangen, weil wir uns den Gepflogenheiten vor Ort anpassen müssen. Das wollen wir auch gar nicht. Veränderung ist in solchen Strukturen nur im Schneckentempo möglich. Wir sehen aber auch unsere Grenzen: Es ist nicht so einfach, aus inhaltlichen Schnittmengen ein Programm zu machen und viele Menschen unter einen Hut zu bringen.

Du hättest fast die Möglichkeit bekommen, ins Europäische Parlament einzuziehen – für die DiEM25, die europaweite, grenzüberschreitende Bewegung von Demokraten, die fundamentales Umdenken in allen Lebens-und Wirtschaftsbereichen fordert, um Europa beisammen zu halten. Es hat nicht geklappt. Schade oder besser so für Dich?

Einerseits war ich froh, dass es nicht geklappt hat, weil ich so auch niemanden enttäuschen kann, wenn ich meinen Job nicht gut gemacht hätte. Andererseits war ich auch enttäuscht, weil ich gehofft hatte, mit meiner Wahl jeder Menge junger Leute signalisieren zu können: Wenn ich das schaffe, dann schaffst Du das auch. Das war meine Motivation. Und davon bin ich weiterhin überzeugt: Wir brauchen mehr Vielfalt in der aktiven Politik. Damit es ein Klischeebild von „so sind alle Politiker“ irgendwann nicht mehr gibt.

Was bedeuten Dir Bernie Sanders und Yanis Varoufakis, die beide auch zu Eurer demokratischen Bewegung gehören?

Zunächst einmal sind beide alte weiße Männer, die auch in der Außenwirkung keine Stars sind. Das ist uns allen klar. Mit beiden werden wir nichts reißen können. Da brauchen wir andere und vor allem jüngere Leute. Wir haben die gleichen Werte, aber andere Ausdrucksformen. Yanis bezeichnet sich selbst als Marxisten. Dieses Selbstverständnis ist mir so fremd wie ein Röhrenbildschirm. Unsere Ziele ähneln sich aber: Energiewende, Finanzwende, Lohngleichheit, Sharing Economy, Grundeinkommen. Links und rechts sind politische Kategorien, die ich verstehe, aber mit denen ich mich nicht unbedingt identifiziere. Aber: Die Kompetenz von Yanis ist enorm. Das, was er sagt und schreibt ist so durchdacht, dass es mich in meiner Arbeit geprägt hat. Er ist zwar nicht mehr meine „Future-Figure“, aber er war sicher mein „Fundament-Geber“.

Das Interview führte Susanne Osadnik

 

Bianca Praetorius ist Startup Pitch Coach & Public Speaking Trainerin.
Sie trainierte über 1500+ Pitches für die Startups für zahlreiche Accelerator & Technologie Konferenzen in Europa, West & Ost Afrika und der arabischen Welt. Sie ist Mitgründerin von The Red Lab (Agentur für digitale Transformation www.redlab.me) und Mitherausgerberin des female Leadership Buchs „Die Lean Back Perspektive“ (erschienen im Springer Verlag). Sie ist Mitgründerin von „Demokratie in Bewegung“ und „Demokratie in Europa“ und kandidierte 2019 für einen Sitz im europäischen Parlament.
Bianca moderiert den Postcast „Morgen ist Zukunft“ (Argon Verlag) und ist Host der 2020-Folgen von „Founders Valley Asia“ (Produktion Deutsche Welle TV). Im Januar moderierte sie die erste „Reboot“ des German Councils of Places in Berlin.

 

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