Messesplitter ohne Messe – MIPIM mal anders

25.März 2020   

Kategorie: Artikel des Tages

Statt von Entwicklungsprojekten und Angeboten, von Marktdaten und Marktchancen geschweige denn von den Gewinnern der MIPIM Awards zu berichten, greifen wir hier Aspekte heraus, die z.T. in Telefoninterviews statt in der persönlichen Begegnung auf der Messe besprochen wurden und die symptomatisch erscheinen, von ESG bis smart city.

Olivier Vassart mit Professur im belgischen Leuven verantwortet beim Stahlproduzenten Arcelor Mittal die erst Mitte 2018 eingerichtete Sparte „Steligence“ – d.h. Stahl intelligent einsetzen. Es wäre die erste Repräsentanz auf der MIPIM gewesen mit dem Ziel, statt lediglich eine Palette von Stahlprodukten für den Gebäudesektor anzubieten – die u.a. in Duisburg hergestellt werden – will Steligence Beratungsleistungen übernehmen und mit den Kunden gemeinsam neue Projekte entwickeln. Steligence fungiere quasi als one stop shop für Bauprojekte ab einer gewissen Größenordnung. Als vorherrschende Themen der MIPIM sieht er nicht mehr nur Fragen der Finanzierung und der Investitionen bzw. Allokation von Geld, sondern umfassender die Zukunft der Städte, die Verdichtung der Bebauung, das bezahlbare Wohnen, geeignete Infrastrukturen. All‘ dies müsse zu einem Wandel im Bauen führen. Die Zeit sei reif und die Mittel zum Umdenken in holistischen Ansätzen vorhanden. Stahl als zu hundert Prozent wiederverwend- und wiederverwertbares Material eigne sich unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten für viele Anwendungen, aber nicht für alle. Neben Neubau müsse auch Umbau auf Basis flexibler Grundstrukturen im Gebäude viel stärker in Betracht gezogen werden, denn jeder Abriss belaste künftige Generationen finanziell und in der Vernichtung von Ressourcen. All‘ dies auszuloten könne nur im Dialog mit allen am Bau Beteiligten erfolgen. Es müsse bewusst werden, wer warum welche Entscheidungen trifft und mehr Teilhabe am Bau müsse auch die Baustoffhersteller einbeziehen.

Auch Sophie Walker hätte, anders als ihr Arbeitgeber JLL, persönlich zum ersten Mal an der MIPIM teilgenommen. Sie fungiert für JLL in Großbritannien als Head of Sustainability und verfügt über langjährige Erfahrungen sowohl in der Beratung internationaler Kunden hinsichtlich Nachhaltigkeitsstandards wie als Verantwortliche dafür, dass diese Standards auch im eigenen Unternehmen und dessen Analgestrategien erfüllt werden. Das Motto der diesjährigen MIPIM “The future is human” hält sie für angemessen: „Unabhängig davon, ob die MIPIM-Ausstellung in diesem Jahr stattfindet, ist das Motto sehr gut gewählt. Wir sehen einen deutlichen Anstieg des Bewusstseins für Nachhaltigkeit sowohl bei Investoren als auch bei Nutzern. In einer kürzlich von JLL durchgeführten Umfrage nannten beispielsweise etwa 70 Prozent der Immobilieninvestoren Nachhaltigkeit als eine ihrer obersten Prioritäten im Hinblick auf wichtige Trends, die sich auf Immobilien auswirken. Darüber hinaus verlagert sich der Fokus der Unternehmensnutzer immer mehr auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter und die Notwendigkeit ihre Gebäude so auszustatten, dass die Umweltziele des Unternehmens erreicht werden können.“ Ihrer Wahrnehmung nach hinke UK in der Durchsetzung von Standards noch weit hinter Deutschland her. Insgesamt sei es wichtig, konkrete Ziele wie zero carbon 2050 zu setzen. Viel Geld suche nachhaltigere Investments und die Möglichkeiten seien gegeben, aber nicht einfach zu finden. Jetzt sei der Zeitpunkt, nicht nur für die Assets, sondern auch für das Management insgesamt neue Standards zu setzen und das sei nur in der Zusammenarbeit erreichbar. Zu den Klimazielen müssten die gesamtgesellschaftlichen Aspekte hinzu kommen. Für den sozialen Zusammenhalt könne die Immobilienwirtschaft viel tun, müsse sich allerdings auf einen Systemwechsel einlassen.

Die Einschätzung von Sophie Walker bestätigen die aktuellen Ergebnisse des Deutschen Immobilienfinanzierungsindex (DIFI) von JLL und dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, erhoben noch bevor Corona in Deutschland angekommen war. Wie erwartet habe sich der Abwärtstrend beim Stimmungsindikator für gewerbliche Immobilienfinanzierungen mit leicht geschwächter weiter fort gesetzt. In einer Sonderbefragung zu Klimaaspekten und den weiter gefassten ESG-Standards (Environmental, Social, Governance) rechneten 60 % der Befragten diesen Aspekten erheblichen Einfluss auf Entscheidungen zu im Vertrauen darauf, dass Nachhaltigkeitszertifikate den Marktwert von Immobilien auf lange Sicht positiv beeinflussen.

Jan Bärthel, Bauingenieur und Mitglied der Geschäftsleitung von Wüest & Partner Deutschland, sieht ein wachsendes Interesse von Investoren an Nischenimmobilien in Deutschland. Ähnlich wie Logistik entwickle sich der Markt für Pflegeimmobilien zu einer Alternative mit langfristigen Renditeaussichten sei es als Beimischung in großen Portfolien, die den deutschen Markt insgesamt abbilden, sei es für Spezialisten. Die im Vergleich zu Büro- oder Wohnimmobilien höheren Renditen bedingen jedoch auch höhere Risiken. „Insgesamt muss man sagen, dass Spezialimmobilien nur etwas für Investoren mit dem jeweiligen Know-how sind, die auch die Risikofähigkeit für die Immobilie aufweisen. Deshalb empfehlen wir den Kauf einer solchen Immobilie nur, wenn die entsprechende Expertise beim Käufer dauerhaft vorhanden ist. Investoren, die vor allem Büro- und Wohnimmobilien in ihrem Portfolio haben und aufgrund der höheren Rendite den (einmaligen) Ankauf einer Spezialimmobilie erwägen, raten wir dann eher davon ab beziehungsweise bitten sie, selbstkritisch zu prüfen, ob sie wirklich der passende Eigentümer wären,“ warnt Jan Bärthel. Der letzte Pflegeimmobilienatlas von Wüest & Partner datiert zwar noch aus 2018, die Tendenz der Aussagen damals gilt jedoch unverändert (vgl. Bericht in dieser Ausgabe). Insgesamt steige der Bedarf, aber nicht flächendeckend, sondern stark ausdifferenziert. Das liegt einerseits daran, dass die Versorgung mit Pflegeplätzen in Städten und Regionen bereits jetzt stark unterschiedlich ausfällt und andererseits an verschiedenen Zielgruppen und stadträumlichen Umgebungen. Für die einen ist eine innerstädtische, gut erschlossene Lage genau das Richtige, für andere die ruhige Umgebung am Ortsrand. Ein Hemmnis ist die unterschiedliche Gesetzgebung in den Bundesländern für Alten- und Pflegeimmobilien. Das macht die Orientierung nicht nur für Investoren schwierig, sondern auch für die Nutzer, denn die Angebote sind nicht wirklich vergleichbar. Auf Betreiberseite sind wenige internationale Unternehmen marktbeherrschend, was ggf. einem Verdrängungswettbewerb an einzelnen Standorten Vorschub leisten wird. Im Hinblick auf den Immobilienmarkt misst Jan Bärthel den Sonderimmobilien wie vor allem dem Alten- und Pflegesektor eine ähnliche Relevanz zu wie der Logistik, die sich in den letzten Jahren als fester Bestandteil der Märkte etabliert habe. In dieselbe Sparte gehören Rechenzentren, die ebenfalls steigende Volumina bieten werden.

Nicht zuletzt hätte das Schlagwort „smart city“ wie schon in den Vorjahren auf der MIPIM Ausstellungsflächen und Diskussionsrunden gefüllt – allerdings nicht nur hier. Noch in Vor-Corona-Zeiten fand in Essen die Messe „e-world energy & water“ statt mit dem begleitenden 24. Kongress „Zukunftsenergien“. Achim Kampker, Maschinenbauer an der RWTH Aachen und Initiator des Vereins „Ingenieure retten die Erde“ propagiert einen ganzheitlichen Ansatz für Urban Logistic Infrastructure durch die Vernetzung von Teillösungen auf Hardware als auch auf Software Ebene. So wie es Testreihen für E-Mobilität gibt oder Freihandelszonen sollte es auch Zonen für das Austesten lokal vernetzter Versorgungssysteme geben, von der Produktion bis zum Endverbrauch mit den Ziel, Verkehre nicht zu beschleunigen, sondern insgesamt zu reduzieren, die Abhängigkeit von Mobilität zu verringern.  – Bisher tun wir das Gegenteil und spüren die Auswirkungen, wenn Mobilität drastisch eingeschränkt wird wie jetzt. – Die Base Camps als Verteilzentren für die letzte Meile stellt sich Kampker als umgenutzte Immobilien wie Park- und Kaufhäuser vor. Die Bausteine des „Puzzles“ gebe es bereits, es fehle die Umsetzung und die gestalte sich eher als Marathon denn als Sprint.

Die Raumplanerin Christa Reicher, ebenfalls RWTH Aachen, verwies auf die „Raumrelevanz“ aller Maßnahmen für eine zukunftsfähige Stadt. Smart City sei per se keine Lösung und allein technologiebasierte Ansätze stießen an Grenzen, Beispiel die Modellstadt Masdar City in Saudi Arabien für CO2-Neutralität. Lösungen könnten nur auf Quartiersebene, in der Region gelingen in einem fortlaufenden „lernenden“ Prozess der Anpassung gemäß den Erfahrungen im Gebrauch und im Alltag der Menschen am Ort. Architektur, Energie und Ästhetik müssten zusammen gesehen werden im Hinblick auf einen klimasensiblen Städtebau.

 

 

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