Nimmt uns Corona, was uns einst die Finanzkriese an Boom bescherte?

11.März 2020   

Kategorie: Artikel des Tages

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Finanzkrise hat‘s gegeben, Corona kann‘s uns nehmen. Der Crash ist hier – Sie sind es auch, und nicht bei der Mipim. Die Weltmärkte haben mein letztes Editorial gelesen. Blöd von mir. Ich schreibe erst heute an Sie, weil ich die letzte Woche für die Szenario-Analyse noch abwarten wollte. Clever von mir. Best Case ade! Heute Morgen ist nach der saudischen „Ölkriegserklärung“ der Ölpreis über 30% unter Freitag gefallen. Der Terminkontrakt für US-Aktien fiel in Asien zeitweise auf das zulässige Limit von -5%. Um 0700h war er bei -4,6%. Die Deutschen machen es wie immer besonders gründlich. Der Dax lag um 0700h vorbörslich mit ca. 10.900 Punkten mit -5,5% übermäßig im Minus. Nach Börseneröffnung rutschte er bis 10.449, um sich jetzt (11.15h) nach einer Konsolidierung wieder nach unten abzusetzen. Seit dem 19.2. Februar hat er damit 23% verloren.

Irgendwie habe ich es geahnt, als ich vor 2 Wochen mein letztes Editorial am 21.2. (Nr. 468) schrieb. Ich fühlte mich da wie im Frühjahr 2001 und 2008 als die Welt noch in Ordnung war und ich jeweils am Jahresende um ökonomisch existenzielle Erfahrungen reicher war. Diesmal kommt noch persönliche Blödheit dazu. Die Umschichtung eines spürbaren Teils meiner Altersvorsorge erfolgte im Rahmen eines Bankberatergespräch bei der Deutschen Bank in Aktien mit Durchführung am 21.2. zum Höchstkurs. So ist das Leben. Ich darf noch ein oder zwei Jahre länger arbeiten.

Mit Blick auf mögliche Szenarien muss man natürlich noch auf 1993 blicken. Das war immobilienwirtschaftlich schlimmer als 2001 und 2008. Der schleichende Crash ab 1994 vernichtete in rund 5 Jahren Immobilienvermögen brutal. Die Spitzenmieten bei Büros halbierten sich fast in Frankfurt. Neue Bundesländer-Büro und Handelsflächen halbierten oder drittelten sich oder wurden unvermietbar. Handelsmieten schlichen sich bundesweit in den Keller. Der Bulwiengesa-Index gab über alles bei Gewerbe um 25% nach. Bei Wohnen mit -10% im Gesamtindex differenzierte sich Deutschland brutal aus und schickte die alten industriellen Kerne ins Nirwana, aus dem sie erst in den letzten 5 Jahren wieder herauskrabbelten.

Für „Der Platow Brief“ hatte ich Mitte letzter Woche ein 4-Möglichkeiten-Szenario entwickelt (Nr. 27), das sich allerdings am Freitag eingeengt hatte. Die Vorwoche hätte schließlich auch eine reine Korrektur-Panikattacke sein können, die sich im Anschluss einpendelt. Der Freitag und das Wochenende haben uns eines Schlechteren belehrt. Unsicherheit macht aber dennoch theoretisch einen Best Case für Immobilien noch möglich. Die Finanzkrise hat schließlich den Hyperboom erst wirklich eingeleitet. Ich zeigte Ihnen die Renaissance der Immobilie noch in der Crashphase auf. Und bereits 2 Wochen nach Lehman auf dem Höhepunkt der Agonie schrieb ich Ihnen am 2.10.2008 im ersten Absatz des Editorials zur Expo Real 2008 (Nr. 167): „In vielleicht einer Dekade wird es also wieder institutionalisierte Zockerei, Überschuldung privater Haushalte und Konsumfinanzierung durch befristete „Wertsteigerung“ von Assets geben. Den Keim dazu legt jetzt schon wieder die Liquidisierung der Märkte durch Staatsverschuldung, die bei politisch und konjunkturell bedingter Zinssperre zu Inflation bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Flaute (Stagflation) führen muss. Das hat natürlich weitere Inflationierung realer Assets zur Konsequenz.“ (sic!) Damit ist diesmal die Ausgangslage in der Immobilienwirtschaft brutal anders als 2008.

Eigentlich hatte ich am Wochenende noch ein Medienhype-Hysterie-Editorial vorbereitet, dass Ihnen aufzeigt, wie unbedeutend Corona im Vergleich zu Masern, Spanische Grippe, Pest oder auch normaler jährlicher Grippe ist. Das mag medizinisch richtig sein, aber mit den Folgen der Massenhysterie können wir das in die Tonne schmeißen. Trotz hinreichender Mediendistanz und Erfahrung fühle ich mich inzwischen selbst verunsichert. Die Aussagen von Wissenschaft und Medizin machen ebenso wie der gesunde Menschenverstand deutlich, dass die Infektionswelle, um wenigstens nicht den „Pandemie“-Begriff zu gebrauchen, wohl nicht aufzuhalten ist, sondern mit Glück lediglich so gestreckt werden kann, dass unsere medizinische Versorgung damit fertig wird. Es gibt einfach nicht genug lebensrettende Maschinen, um bei einer Epidemie einer Lungenerkrankung alle schwer Erkrankten bis zu Abklingen der Krankheit am Leben zu erhalten. Die Uniklinik Köln hat 24 (!) dann lebensnotwendige „Intensivpflegebeatmungsplätze“. Das gäbe ein Auswahlproblem. Zum Glück sind USA und Afrika nicht betroffen. In USA befiehlt Trump über den Virus. In Afrika merkt man ihn nicht.

Der Medien-Hype löst dennoch Panik aus. Aus den Großstädten erreichen uns die Bilder leerer Supermarktregale. Mineralwasser und Toilettenpapier sind oft ausverkauft. Ich befürchte allerdings, wenn der Wasserhahn nicht mehr funktioniert, dann hilft die Kiste Mineralwasser auch nur noch bedingt. Warum die Toilettenpapier-Produktion stoppen sollte, erschließt sich mir auch nicht so einfach. Außerdem gibt es noch Zeitungspapier. Vielleicht ist das auch einmal ein Grund, darüber nachzudenken, ob es wirklich Sinn macht, von der Zeitung auf ein iPad zu wechseln. Da fehlt einfach noch manche Funktionalität.

Mipim im Juni?

Mit der Verschiebung der Mipim auf die 1. Juni-Woche erreicht die Corona-Medienpanik auch die Immobilienwirtschaft. In Norditalien greift das Coronavirus seit gestern direkt in die persönliche Freiheit ein. Die Mipim-Organisatoren hatten sich lange mit der Absage geziert. Erst musste der staatliche Notstand erklärt werden. Dann greifen wenigsten einige Versicherungen. Die vollständige Kontrollübernahme der ganzen Stadt Cannes könnte sich jetzt als Eigentor erweisen. Die Messeaussteller sind mit allen ihren Teilnehmern direkt mit der Reed Midem, dem Veranstalter, kontrahiert. Die wiederum kauft die entsprechenden Hotelkontingente ein bzw. hat fast alle Hotels in Cannes angemietet hat. Die ökonomische Bedeutung der Mipim für die Stadt ist aufgrund der zahlungskräftigen Kundschaft von größerer wirtschaftlicher Bedeutung als die Filmfestspiele. Wie die Vertragsgestaltung mit fünfstelligen Tagesmieten bei den gemieteten Megayachten aussieht, dürfte auch noch einiger Interpretationen bedürfen. Restaurants sind langfristig reserviert und haben landesweit Kellner einfliegen lassen. Mittelständische Messebauer dürften ziemlich alt aussehen. Die Verschiebung muss allerdings angeboten werden, damit die Aussteller ohne Rückerstattung weiter im Vertrag bleiben müssen. Wie es im Juni aussieht, steht aber in den Sternen.

Unabhängig von den Kosten dürfte es auch für viele Immobilienunternehmen nicht einfach sein, die lange geplante Mipim-Märzwoche auf Anfang Juni zu verschieben. Da ist das Jahr schon fast gelaufen und die Expo Real in der Planung. Da beginnt bereits über das Pfingstwochenende die Ferienzeit. Cannes dürfte da sowieso gut gebucht sein. Die großen Immobilienhäuser mit 100 und mehr Teilnehmern, Messeständen und gemieteten Yachten dürften leicht siebenstellig in den Kosten sein. Mit Teilnahmegebühr, Flug und Übernachtung kommen leicht schon 3 000 Euro pro einfachem Stand-Messeteilnehmer zusammen. Geschäftsführer und externe Einzelteilnehmer mit Sterne-Anspruch dürften eher spürbar über 5 000 Euro liegen. Zum Glück geht es der Branche in Deutschland so gut, dass die Verluste durch eine Woche effiziente Schreibtischarbeit am durchaus ausgeglichen werden können. Allerdings müssen viele Mipim-Termine jetzt einzeln abgearbeitet werden.

Szenarien für die Immobilienwirtschaft – Wie geht es weiter?

Allerdings kann die Immobilienbranche von Glück sagen, wenn sich die Wirkungen dieses rational winzigen „schwarzen Schwans“ auf die verschobene Mipim begrenzen. Stampeden bedürfen lediglich eines lauten Knalls. Dann flüchtet die ganze Herde. Seit drei oder vier Jahren wartet die Branche auf den schwarzen Schwan, der irgendwo landen könnte. Das Coronavirus setzt Urängste frei. „Jeder weiß“ schließlich, dass irgendwann eine Pandemie in der grenzoffenen Welt ausbrechen muss. Die OECD hält Corona für das größte Wachstumsrisiko seit der Finanzkrise, das das weltweite Wachstum halbieren könne. Gleichzeitig treffen Versorgungsängste auf ein Umfeld, das durch Migrationskrisen und ökonomischer Konsolidierung Renationalisierungstendenzen aufweist. Diese könnten sich durch mögliche Versorgungsengpässe verstärken. Lieferketten drohen abzubrechen. Aktuell öffnet sich für die Immobilienwirtschaft die gesamte Bandbreite möglicher Verläufe.

Best Case und Normalfall – keine Immobilien-Panik

Vorab, der Markt kennt keinen Normalfall, sondern liebt Extreme. Konsolidierung landet meist im Absturz. Selbst bei prognostizierten „weichen Landungen“ stellt man fest, dass der Pilot aus Freude vergessen hat, die Räder auszufahren. Hinzu kommt, es gibt keine Wahrscheinlichkeiten. Irgendwo auf der Welt wird etwas passieren, dass die Zeiger auf einen anderen Fall dreht. Hätten Sie vor einem Jahr „Corona“ in Ihrem Möglichkeitsrahmen gehabt?

Aber diesmal ist es anders: Der theoretisch sicherlich wahrscheinlichste Fall, der Normalfall, ist das einfache Ablaufen der Coronaeffekte im Rahmen einer allgemeinen Konsolidierung und Stimmungsdämpfung in der Immobilienwirtschaft. Der Staat wird Unternehmen helfen. Die Demographie sorgt für ausgelastete Arbeitsmärkte. Die Auftragsbücher sind bei Bau und Dienstleistungen voll. Die Industrieflaute ist längst eingepreist. Mieten werden weitergezahlt. Der Neubau wird durch Bedarf weiter absorbiert. Die Mieten stagnieren oder steigen weiter. Der internationale Anlagedruck bleibt hoch. Die Zinsen werden eher noch niedriger. Bei Nullzinsen kann der Immobilienwirtschaft nichts passieren. Außerdem täte eine Ruhephase dem teilweise überhitzten Immobilienmarkt sicherlich gut.

 

                Im Best Case steigen bei weiter sinkenden Zinsen die Immobilienpreise bzw. Bewertungen. Letzten Mittwoch konnte ich noch hoffen, dass die Aktienmärkte in einer ersten Panikattacke ihr Korrekturpulver verspielt haben. Der Alltag kommt schnell zurück. Aus der Korrektur der Aktienkurse entsteht noch kein Verkaufsdruck aus Immobilienquoten. Etwaigen Verkäufen steht eine viel größere Nachfrage gegenüber. Das belebt eher den Markt. Wie ich Ihnen im letzten Spezial zur Expo Real ausführte gibt es 10 Gründe, warum die Preise im internationalen Anlagesegment noch steigen werden. Aus internationaler Sicht sind Immobilien in Deutschland nach wie vor preiswert, transparent und sicher. Hohe Fremdfinanzierungshebel und attraktive Zusatzrenditen durch Währungs-Hedging erhöhen die Attraktivität. Im Best Case gewinnen Immobilien noch einmal einen Schub. Möglich ist alles, ich würde nur nicht darauf setzen. Im Bereich ab 100 Mio. USD könnte das aber eintreten. Vielleicht auch in manchen Wohnsegmenten.

Die Negativ-Szenarien

Allerdings hat die Wahrscheinlichkeitsfunktion auch für die Immobilienwirtschaft einen negativen Ast. Wie manche Medizin-Auguren und durchaus auch der gesunde Menschenverstand analysieren, ist die Verbreitung des Virus kaum noch einzudämmen. In Afrika könnte er längst angekommen sein, ohne dass es jemand merkt. Trumps Befehlskette könnte im Realitätssog reißen. In Amerika und Europa fängt die Epidemie erst an und kann das ganze Jahr überschatten. Mobilitätseinschränkunen wie in Nord-Italien treffen nicht nur Gastronomie und Tourismus. Kein Mensch kann mir erzählen, dass der Bruch von Lieferketten mit der Stilllegung weiter Teile der Welt nur das Wachstum trifft. Bei uns dürfte in DAX oder EFF’s manches Eigenkapital oder manche Bonität für Wohnungs- oder Hauskauf ebenso verschwunden sein wie Kaufabsichten für Wohnungseinrichtungen, Autos oder Wohnmobile. Dann werden die ökonomischen Folgen des Coronavirus weit größer, als derzeit eingepreist.

Die ökonomischen Basisdaten der Unternehmen, die derzeit eine Flut von Gewinnwarnungen verbreiten, werden Eingang in die GuV‘s finden. Das wirkt sich auf die Erwartungen der Analysten aus. Wenn die Kurse noch weiter ins Rutschen kommen – die beiden letzten Krisen zeigten für den DAX minus 70% und minus 50% -, sehen nicht nur Crash-Propheten hohe Korrekturpotenziale. Die dabei angepeilten, als „völlig überzogen“ bezeichneten, insgesamt 30% Korrekturpotenzial z. B. von Nouriel Roubini könnten schon diese Woche überschritten werden. Gegen 0930h heute morgen waren wir schon bei knapp 25%. Ähnliche „30%“ schätzt empirica für deutsche Wohnimmobilienmärkte in den Metropolen.

Am Freitag waren weltweit in 2 Wochen ca. 10 Billionen (10.000 Milliarden) USD Kurswert weltweit vernichtet. Heute Abend könnte es Richtung 15 Billionen USD weitergehen. Dafür muss ganz Deutschland 4 Jahre arbeiten (BIP 3,86 USD). Das würde direkt Eingang in die Planungen, Bilanzen und Finanzierungsmöglichkeiten der Unternehmen und die daraus resultierende Immobiliennachfrage führen. Auch im Mietmarkt spielt Psychologie eine große Rolle. Knappe Flächen in expansiven Zeiten führen zu frühzeitiger, bekannter Flächennachfrage über 4 oder 5 Jahre, da ja Entwicklungs- und Bauzeiten kalkuliert werden müssen. Damit übersteigt die bekannte Nachfrage das Angebot, das entsprechend durch Neubau, wie auch aktuell, reagiert. Sobald Planungen zurückgestellt werden oder bekannt wird, dass voraussichtlich durch Neubauten genügend Flächen zur Verfügung stehen werden, verschwindet die langfristige Vorausplanung vom Markt, so dass die dann noch erfasste Nachfrage überproportional zurückgeht, während das Angebot sich unaufhaltsam erweitert.

Während zuvor unvermietete Flächen bei guten Mietperspektiven interessant waren, führt dann Leerstand zu einer Neugewichtung des Investitionsanreizes. Aus den USA sind Marktsituationen bekannt, in denen unvermietete Flächen einen Wert von Null haben. Auch in schwierigen deutschen Phasen sind die Werte von unvermieteten Flächen geschmolzen wie Schnee in der Sonne. Bei 3 Jahren kalkulierter Vermietungsdauer, niedrigen Mieten im Leerstandswettbewerb und Vermietungskosten von vielleicht 2 Jahresmieten blieb bei gleichzeitig gesunkenen Multiplikatoren oft nur noch ein Bruchteil des kalkulierten Wertes von Projektentwicklungen rechnerisch über. Eine Neubewertung von Projektentwicklungen in Serie dürfte mittelständische Projektentwickler, die völlig unauffällig leicht bis deutlich zweistellige Milliardenbeträge aufgebaut haben, in der Existenz treffen. Bei Börsennotierung könnte sich der Effekt potenzieren. Kleinanleger könnten diesmal von den Schwarmfinanzierungen erstickt werden, wenn deren Finanzierungsplane in Serie durch verlängerte Vermarktungsdauern getroffen würden.

Gleichzeitig führt ein spürbarer Rückgang der Aktienkurse, wie wir seit 2008 wissen, entgegen aller Logik des „sicheren Hafens Immobilie“ zu notwendigen Immobilienverkäufen, da durch die sinkenden Aktienkurse bei vielen institutionellen Portfolios die Immobilienquoten zu hoch werden. Dem Angebot stand 2008 durch gleichgelagerte Situation in Märkten mit nur wenigen Hundert Marktteilnehmern insgesamt aber keine Nachfrage gegenüber. Das führt in der Folge nach angelsächsischen Bewertungen zu Neubewertung von guten Immobilien, denen ja aktuell keine Nachfrage gegenübersteht. Diese Neubewertungen führen dann zu Brüchen der Finanzierungsregeln, die wiederum zu Reaktionen der Banken führen. In vielen Kreditverträgen stellt der Bruch von Covenants einen Verstoß gegen den Kreditvertrag dar, der zu erhöhten Eigenkapitalanforderungen oder sogar zur Kündigung des Kredites führen kann.

Gleichzeitig verschwindet die Bonität der Immobilienunternehmen, insbesondere auch von Projektentwicklern, und damit deren Zukunft. Der Bitte um weiteres Eigenkapital kann möglicherweise nicht nachgekommen werden. Mögliche Probleme einzelner Projektentwicklungen durch Vermietungsprobleme, durch Nichteinhaltung von Mietverträgen oder durch Kostenüberschreitungen führen dann zu einer weiteren Überprüfung der jeweils laufenden Projekte mit der entsprechenden Bitte der Banken, das Eigenkapital in den Projekten den gewachsenen Risiken anzupassen. Früher hat man das abgeheftet. Heute müssen die Banken kündigen. Dies wiederum könnte mangels kurzfristig verfügbaren Eigenkapital wiederum zu einer Kettenreaktion bei großen Projektentwicklern durch Ansteckung von Projekten in einer gemeinsamen Finanzierungsklammer führen.

Was unterscheidet uns heute von 2008?

2008 hat uns der Markt die Risiken im Zeitraffer, aber nur mit befristeter Wirkung vorgeführt. Zu heute bestehen aber immobilienwirtschaftlich große Unterschiede. Der vorhergehende Boom war ein rein institutioneller Nachfrageboom auf Basis extrem unterbewerteter Wohnimmobilien und durch niedrige Mieten günstige Gewerbeimmobilien. Aus der Kapitalanlage eines breiten Publikums war die Immobilie weitgehend verschwunden. Damals begründeten wir Ihnen aber, dass am langen Ende die Immobilie profitieren werde und die Finanzkrise zu einer Renaissance der Immobilie als Kapitalanlage führen werde. Allerdings haben wir das Ausmaß des Booms auch nicht vorhergesehen, da die Zinsentwicklung bisherigen Erfahrungen außer Kraft setzte.

Die volkswirtschaftliche Situation ist heute völlig anders. 2008 gab es noch Verschuldungspotenziale – auch in der Peripherie des Euro. Heute wird es finanzpolitisch eng. Chancen wurden nur in Deutschland genutzt. Aber Deutschland kann die Finanzlast des ganzen Eurolandes nicht tragen. Geldpolitisch hat die EZB alles gegeben. Draghi hinterlässt ein Desaster. Die Flasche mit dem Gegengift für konjunkturelle Vergiftung wurde komplett geleert und nicht wieder aufgefüllt. Die Geldpolitik ist verbraucht. Die Wirkung echter, spürbarer Negativzinsen auch im privaten Bereich hat noch niemand durchdacht. Die Erfahrung zeigt zudem, dass Kühe, „die nicht Saufen wollen“, nicht dadurch zum Trinken verleitet werden, dass man die Tröge auffüllt. Die Vermutung, dass die Sparquote sogar noch steigt, ist nicht von der Hand zu weisen. Neukluge Schwachköpfe sahen bis Freitag Aktienfonds als neue Alternative zum Sparbuch. Die Anleger werden es ihnen danken.

Die politischen Rahmenbedingungen haben sich mit einer rechts-/links Zangenbewegung geändert. Die Mitte hat sich vom Bürger gelöst. Umweltschutz haben wir gehypt, weil wir es uns leisten können. Ich bin mal gespannt, was „fridays für future“ macht, wenn es ans Taschengeld geht. Gleichzeitig kocht die Flüchtlingskrise medial hach. In der bürgerlichen Mitte, in denen stille Enteignung durch Nullzinsen mit der Aktienpropaganda als neue Sparbuchalternative jetzt zur wirklichen Enteignung führt, wird die Reaktion sicherlich nicht das Erstarken bürgerlicher Toleranz sein.

Nur zum Nachdenken: Kein Mensch weiß, in welche weltweiten finanziellen Auswüchse oder Blasen uns die letzten Jahre gebracht haben. Das kommt noch hoch.

Heute ist die Immobiliensituation völlig anders. Das Preisniveau hat sich oftmals verdoppelt und sich längst von der immobilienwirtschaftlichen Mathematik aus Erträgen, Managementkosten und Instandhaltungs- bzw. Sanierungserfordernissen unter Lebenszyklusaspekten verabschiedet. Nicht umsonst werden in einigen gehypten Märkten Korrekturpotenziale von 30% oder mehr rechnerisch ermittelt. Ich bin mal gespannt, was von der Venture Capital Szene heutiger Start Ups übrig bleibt.

Bei hoher Bürobeschäftigung und floriender Dienstleistungswirtschaft sind die Bürospitzenmieten heute noch nicht höher als 1993. Das zeigt noch Belastungspotentiale auf. Niedrige Zinsen stützen die Multiplikatoren. Bei Hotels schmerzt Corona. Einzelhandelsimmobilien hatten ihren Höhepunkt sowieso schon hinter sich. Corona verstärkt den e-Commerce-Effekt noch. Amazon profitiert. Im privaten Wohnungsbereich stützt die Binnennachfrage, aber wieviel Eigentumswünsche in privater Kapitalanlage verschwunden sind, steht noch in den Sternen. Aus dem institutionellen Wohnungsgeschäft hatten sich die Internationalen Anleger auch „sowieso“ schon verabschiedet. Konjunktur setzt Mieterwartungen evtl. neue Grenzen. Und für deutsche institutionelle Anleger hat „Der Platow Brief“/“Der Immobilienbrief“ schon oft die Frage gestellt, was sich denn heute von der Situation in den 90er Jahren bis 2005 unterscheidet, in der sich Kommunen, Unternehmen und Versicherungen zu aus heutiger Sicht lächerlichen Konditionen von z. B. 570 Euro für anständigen Berliner GSW-Wohnungsbestand von ihren Wohnungsportfolios getrennt haben, weil Sie sich einfach nicht rechneten. Die Wohnungen würden heute zum Vierfachen gehandelt. Heutige Anlageverzweiflung könnte sich beim Nachrechnen in einigen Jahren als schlechter Ratgeber erweisen.

„Der Immobilienbrief“-Fazit

Die Zinssituation ist ein historischer Game Changer. Das könnte uns retten. Dennoch ist die ganze Bandbreite der Entwicklung für die Immobilienwirtschaft möglich und logisch. Als sicherer Hafen könnte die Immobilie noch einmal Schub durch die erhöhte Unsicherheit erhalten. Bei den internationalen Kapitalanlageimmobilien hat das auch eine hohe Wahrscheinlichkeit. Die größte Logik hat das Konsolidierungsszenario. Hier widerspricht vor allem die Erfahrung. Der Markt ist nicht logisch. Durch die anhaltend niedrige Zinssituation bleibt zu hoffen, dass sich kein langer Deflationierungstrend wie nach dem Höhepunkt in 1993, der in vielen Bereichen mit der Entwicklung der letzten 10 Jahre vergleichbar ist, ergibt. Andererseits hat Corona jetzt erstmalig ein ganz neues Crash-Szenario aufgezeigt, das vor wenigen Wochen noch niemand auf dem Schirm hatte. Gleichzeitig zeigt Corona die Irrationalität des Marktes auf.

Die Erfahrung zeigt eben, dass in einem Markt, der seit einigen Jahren schon auf einen „Schwarzen Schwan“ wartet und von Überbewertungen ausgeht, schon ein kleiner Knall reicht, um die Lemminge in Bewegung zu setzen. Wenn die ersten laufen, rennen die anderen hinterher. Und wenn die ersten die Klippe sehen und bremsen wollen, werden sie von der Masse der Follower über die Klippe gestoßen. Der Markt reagiert nicht rational, sondern zyklisch. Und da geht es nun auch einmal nach unten. Aber seien wir ehrlich: Ich habe Erfahrung, aber keine Ahnung und keine Logik des Menschenverstandes mehr. Es gibt keine Wahrscheinlichkeiten. Es gibt Unsicherheit. Die „neue Welt“ der Nullzinsen und des Verlustes von Grenzen und politischen Einflussmöglichkeiten durch Fiskal-/Verschuldungspolitik, Geldpolitik und Währungspolitik kennen wir nicht. Das haben wir nicht durchdacht und nicht gelernt. Lassen Sie sich nicht durch Blödmänner erklären, sie wüssten, wie es geht. Es wird auf Dauer so nicht gehen. Meine Elterngeneration war die erste deutsche Generation, die in Armut startete und ohne Krieg im Erwachsenenalter oder Vermögensverlust durch Inflation in den Wohlstand wuchs. Sehr geehrte Leser, ein Leben ohne Krieg und politischer Enteignung ist aber nicht Gesetz geworden. Das kann auch wieder anders kommen. Mir macht die unvergleichliche ökonomische Gelöstheit der Politik einfach Sorgen.

Ihr

Werner Rohmert

 

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