Madeira – Baulücken auf der Atlantikperle

(folgender Beitrag ist auch in „Der Fondsbrief“ Nr. 193 vom 09.08.2013 erschienen)

Mit Walfang und Weinanbau bestritten die Menschen auf Madeira früher ihren Lebensunterhalt. Inzwischen ist der Tourismus Wirtschaftsfaktor Nummer eins. Und auf den erste Blick scheint alles im grünen Bereich zu sein auf der zu Portugal gehörenden Perle im Atlantik. Wer einen freien Tisch in den Straßencafés gefunden hat, sieht Touristen aus Deutschland, Russland und vor allem aus England vorbeischlendern. Viele tragen eine Einkaufstüte mit Souvenirs oder einer Flache Madeira-Wein. Nicht anders als in Ferienregionen rund um das Mittelmeer.

Madeira - Baulücken in der zweiten Reihe (Foto: MG)

Madeira – Baulücken in der zweiten Reihe (Foto: MG)

Wer jedoch genau hinschaut, dem bleiben die Auswirkungen der portugiesischen Krise auch 951 Kilometer südwestlich von Lissabon nicht verborgen. Denn längst nicht alle Restaurants und Bars haben überlebt. Selbst in besten Lagen der Hauptstadt Funchal sind die Fensterscheiben ehemaliger Autovermieter, Immobilienmakler und Eiscafés blind vor Staub, von innen weiß gekälkt oder mit alten Zeitungsseiten beklebt.

Am Hafen will sich Funchal neu erfinden. Hunderte Meter lang zieht sich eine gewaltige Baustelle hinter einem Sichtschutz entlang. Den ganzen Tag lang rattert und dröhnt es ohrenbetäubend. Eine Autofahrt in die Altstadt endet unweigerlich im Stau. Woanders dagegen ruhen die Arbeiten. Wann aus den Betonskeletts die geplanten Hotels im Westen der Hauptstadt entstehen werden, steht in den Sternen.

Bei einer Fahrt mit der Seilbahn den Monte mit seiner Wallfahrtskirche hinauf schweben die Gondeln manchmal nur wenige Meter über den Dachterassen der Altstadthäuser. Hier zeigt sich der Zustand mancher Viertel gnadenlos. Dächer sind vor langer Zeit eingestürzt, Mauern zusammengebrochen. Sanierung kann hier nur mit der Abrissbirne gelingen.

Portugal ist ähnlich wie Griechenland voll in die Krise gerutscht. Die Rezession hält sich bereits das dritte Jahr. Mit 78 Milliarden Euro haben die EU, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds das Land vor der Staatspleite bewahrt, forderten im Gegenzug jedoch harte Sparmaßnahmen. Und Regierungschef Pedro Passos Coelho hat pariert. Löhne wurden gesenkt, das Arbeitslosengeld gekürzt, Feiertage wie Maria Himmelfahrt und Fronleichnam abgeschafft. Doch die Geduld der Portugiesen ist begrenzt. Die Unterstützung für die Sparprogramme nimmt ab. Selbst die Regierungskoalition ist sich inzwischen uneinig darüber, wie es weitergehen soll. Erst Ende Juli hat Präsident Cavaco Silva ein Misstrauensvotum überstanden.

Immerhin steht das Land nicht kurz vor einem Bürgerkrieg, wie er, zumindest nach Ansicht von Silvio Berlusconi, in Italien droht. Dieser Mann und seine Wähler sind längst zur Schande Europas geworden. Rechtskräftig als Steuersünder verurteilt, feiern ihn seine Anhänger als „Märtyrer der Freiheit“. Wie schlecht muss es den Einwohnern eines Landes gehen, dass sie ihre Zukunft in den Versprechen eines vorbestraften 76-jährigen suchen, der lügt, betrügt und in erster Instanz außerdem zu sieben Jahren Haft wegen Sex mit minderjährigen Prostituierten und Amtsmissbrauchs verurteilt wurde?

Und wenn alle Stricke reißen, soll Berlusconi-Tochter Marina zu seinem verlängerten Arm werden. Wie weit ist eigentlich Nordkorea entfernt? Bunga Bunga oder balla balla? Hauptsache, wir können überall mit dem Euro bezahlen.

 



Über den Autor

Markus Gotzi

 

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