Praktiker – Insolvenzverwalter sucht einen neuen Investor

Am Ende hat es die Baumarkt-Kette Praktiker doch erwischt. Das Damokles-Schwert der Insolvenz hing schon seit geraumer Zeit über der Nummer 3 der deutschen Baumarktbranche. Am 11. und 12. Juli 2013 mussten die Praktiker AG beim Amtsgericht Saarbrücken und 8 ihrer operativen Tochtergesellschaften beim Amtsgericht Hamburg Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens stellen.
Zu den 8 operativen Gesellschaften gehören die Baumarkt Praktiker Deutschland GmbH, die Baumarkt Praktiker DIY GmbH, die Baumarkt Praktiker GmbH, die Baumarkt Praktiker Online GmbH, die Baumarkt Max Bahr Praktiker Einkaufs GmbH, die Baumarkt Praktiker Warenhandelsgesellschaft mbH, die Baumarkt Praktiker Vierte GmbH und die Baumarkt Praktiker Services GmbH in Hamburg. Nicht betroffen sind die 132 Max-Bahr-Märkte und das Auslandsgeschäft von Praktiker.
Zum vorläufigen Insolvenzverwalter der Holdinggesellschaft Praktiker AG wurde Udo Gröner von der Kanzlei Heimes & Müller ernannt, zum vorläufigen Insolvenzverwalter der 8 operativen Gesellschaften Rechtsanwalt Christopher Seagon von der auf Unternehmenssanierungen spezialisierten Sozietät Wellensiek Rechtsanwälte – Partnerschaftsgesellschaft. Um den Geschäftsbetrieb der überschuldeten und illiquiden Baumarkt-Kette zu sichern, geht es zunächst darum, die kurzfristige Finanzierung der Warenlieferung sicherzustellen und zur Sicherung der Löhne und Gehälter der etwa 8 600 Mitarbeiter die Vorfinanzierung des Insolvenzgeldes zu beantragen. Der Online-Shop von Praktiker wurde dagegen bereits geschlossen.
Die entscheidende Frage für die Zukunft insbesondere der 8 operativen Gesellschaften wird es sein, welchen Weg der Insolvenzverwalter einschlägt? Dem Vernehmen nach steht eine Insolvenzplansanierung, bei der das/die Unternehmen als Ganzes erhalten bleib(t)en, aus heutiger Sicht nicht zur Debatte. Vielmehr suchen die Insolvenzverwalter einen Investor.
Im Rahmen des Insolvenzverfahrens ist es für die Verwalter jetzt leichter, defizitäre Baumärkte zu schließen und selbst lang laufende Mietverträge sowie Arbeitsverträge kurzfristig zu kündigen, um die Verlustbringer in der Baumarkt-Kette zu beseitigen und die verbleibenden Märkte in die Gewinn-Zone zu bringen. Das könnte die Verkaufschancen erhöhen. Mit Blick auf die hohe Verschuldung dürfte es aber schwierig werden, einen Investor für die gesamte Gruppe zu finden. Es sei denn, es findet sich ein Interessent, der die Chance sieht, in den deutschen Markt einzusteigen, oder einer der Anteilseigner ist bereit, sich stärker zu engagieren.
Wettbewerber wie der Hauptaktionär von Branchen-Primus Obi und geschäftsführender Gesellschafter der Tengelmann-Gruppe, Karl Erivan Haub, haben dagegen bereits signalisiert, dass das Gros der Praktiker-Standorte für sein Unternehmen nicht interessant ist. Für ihn kommen allenfalls einzelne Standorte in Frage. Auch für die Kölner Rewe Group, die aktuell damit befasst ist, die Elektrofachmarkt-Tochter Pro-Markt zu veräußern – zuletzt wurde ein Teil an Expert verkauft – dürfte allenfalls  Interesse an einzelnen Standorten und nicht an der gesamten Unternehmensgruppe haben. Ähnlich dürfte es bei anderen Wettbewerbern sein.
Insolvenzverwalter haben weitreichende Möglichkeiten
Doch auch wenn viele der Vermieter – Praktiker ist nur bei 3 der über 300 Baumärkte Eigentümer – nach Anmeldung der Insolvenz nervös werden und am liebsten gleich einen Anschlussmieter suchen würden, sie können auf Grund der eröffneten Insolvenzverfahren die Mietverträge nicht kündigen. Die Insolvenzklausel, die dem Vermieter früher ein Sonderkündigungsrecht zubilligte, gilt seit Inkrafttreten der Insolvenzordnung (INSO) im Jahr 1999 nicht mehr.
Diese Neuregelung ist vor allem für Filialbetriebe des Einzelhandels in gemieteten Verkaufsräumen von elementarer Bedeutung. Denn bei früheren Fällen haben die Wettbewerber die Vermieter der besten Standorte kontaktiert, um sich die Märkte nach der Sonderkündigung zu sichern. Der Insolvenzverwalter blieb dann auf den defizitären Standorten sitzen. Eine Sanierung war danach ausgeschlossen. Das wollte der Gesetzgeber mit der neuen Insolvenzordnung verhindern.
Gleichwohl wird es für die Insolvenzverwalter Gröner und Seagon schwer genug werden, einen Investor für den reinen Geschäftsbetrieb von Praktiker – ohne Immobilien – zu finden. Eigene Immobilien würden die Substanz deutlich erhöhen und als letztes Mittel im Falle der Einzelverwertung die Chance eröffnen, einzelne Baumarktstandorte zu verkaufen. Da der Verwalter im Zuge des Insolvenzverfahrens den Zugriff auf die Standorte behält, könnte er in der jetzigen Situation zumindest versuchen, für die einzelnen Märkte neue Betreiber zu finden, die den Geschäftsbetrieb erwerben und die Mitarbeitern übernehmen.
Zu den Vermietern der Praktiker-Märkte gehört auch die Metro Group, zu der Praktiker bis zum Börsengang im November 2005 gehörte. Metro vermietet nach Auskunft eines Unternehmenssprechers in Deutschland etwa 40 Standorte an Praktiker, ist bei der Mehrzahl der Standorten aber selbst Mieter und vermietet nur weiter. Wie es mit den 40 Standorten weiter geht, konnte der Sprecher naturgemäß noch nicht sagen. Das wird vom Verlauf des Insolvenzverfahrens abhängen.
Darüber hinaus sind die Praktiker-Standorte offenbar auf eine große Zahl von Eigentümern verteilt, die jetzt abwarten müssen, welche Strategie die Insolvenzverwalter einschlagen. Solange die Baumärkte weiter betrieben werden, ist auch die Miete gesichert. Schwierig wird es für die schlechten Standorte, die der Insolvenzverwalter kurzfristig schließen kann. Hier wird es auch mit der Nachvermietung schwer.
Vor diesem Hintergrund weist auch Joachim Stumpf, Geschäftsführer der BBE Handelsberatung und der IPH Handelsimmobilien GmbH darauf hin, wie wichtig es vor Abschluss des Mietvertrags ist, die richtige Positionierung und die Wettbewerbsfähigkeit der Mieter genau und gründlich zu analysieren, da sie über den nachhaltigen Erfolg am Markt entscheiden. „Für Experten zeichnet sich die Schieflage eines Handelsunternehmens nämlich bereits frühzeitig ab“, so Stumpf (Foto links). Keine Branche sei wirklich gefeit vor Problemen – auch nicht deren große Spieler: „Eine fundierte Standortanalyse für eine Einzelhandelsimmobilie muss sich immer auch mit der Zukunftsfähigkeit der Betreiber-Konzepte befassen.“ Und dass Praktiker ein durchdachtes Konzept und eine klare Positionierung gegenüber den Wettbewerbern fehlte, bestätigt auch Susanne Klaußner (Foto rechts), Vorsitzende der Geschäftsführung der GRR Real Estate Management GmbH. Zusammen mit den fehlenden Investitionen in ein zeitgemäßes Storedesign habe das Praktiker in einem hart umkämpften Markt letztendlich in die Insolvenz geführt: „Nur mit Rabatten zu werben, reicht heute eben bei Weitem nicht mehr aus“, so Klaußner, die nicht nachvollziehen kann, warum sich Praktiker bei seinen Baumärkten nicht an den erfolgreichen Märkten der Tochter Max Bahr orientiert hat.
Auch Filipe Costa, Geschäftsführer der Pamera Retail GmbH, weiß, dass die reine Orientierung am Preis heute überholt ist und die Kunden längst nicht mehr nur durch die billigsten Schnäppchen zu gewinnen sind. Belege dafür, dass die Verbraucher Atmosphäre und Beratung zu schätzen wissen, sind aus seiner Sicht die Insolvenzen von Schlecker und eben auch Praktiker sowie die Tatsache, dass die Supermärkte gegenüber den Discountern gewinnen.
Jahrzehntelange Suche nach Identität und Konzept
Für Praktiker setzt die Insolvenz nun einen Schlusspunkt unter eine Jahrzehntelange Suche nach Identität, einem tragfähigen Konzept und einer auskömmlichen Rendite. Im Jahr 1978 von der Saarbrücker Lebensmittel-Kette Asko AG gegründet, war die Baumarktkette ein typisches Produkt der 1980er-Jahre, als insbesondere der Lebensmittelhandel durch Unternehmens-Akquisitionen nach Nachfragemacht und besseren Einkaufskonditionen strebte. Der Einstieg in die Baumarkt-Branche sollte die Rendite zusätzlich verbessern.
Aber auch bei Praktiker setzten die Eigentümer mehr auf Wachstum durch Firmenübernahmen und einen schlagkräftigen Einkauf als auf ein fundiertes Verkaufskonzept. Zu den Übernahmen gehörten Baywa-Baumärkte, Wickes-Baumärkte und Real-Baumärkte. Im Zuge der Übernahme der Asko AG Anfang der 1990er-Jahre wurde auch Praktiker Teil des Metro-Konzerns und die Expansion durch Übernahmen ging weiter. Insbesondere die Akquisition der angeschlagenen Wirichs-Baumärkte 1997 brachte Praktiker damals in Schieflage.
Kein Blick für das Feintuning beim Verkauf
Die große Zahl unterschiedlicher Unternehmen und Philosophien machte es Praktiker schwer, eine einheitliche Identität zu entwickeln. Hinzu kam, dass sowohl Asko als auch Metro damals im Zuge ihrer Strategie des Größenwachstums den Fokus zu wenig auf die Sanierung und das Feintuning des Verkaufs legten. Praktiker blieb im Metro-Konzern das ertragsschwache Sorgenkind.
Mit dem Gang an die Börse im November 2005 gelang der Metro Group zwar der elegante Exit, für Praktiker wurde es als börsennotiertes Unternehmen mit der Pflicht zu regelmäßigen Quartalsberichten und dem Erwartungsdruck der Aktionäre noch schwerer, die Sanierung voranzutreiben. Nicht umsonst meiden viele Familienunternehmen die Börse, weil sie ihre Langfrist-Strategie nicht dem Zwang zu kurzfristigen Erfolgen opfern wollen. Dieser Druck von außen, immer bessere Zahlen vorlegen zu müssen, könnte einer der Gründe dafür sein, dass Praktiker den Weg aus der Niedrigpreis-Spirale nicht mehr geschafft hat.

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