Wiederbelebung der Cities: Was können die Kommunen tun?

22.März 2010   

Günter Ditgens

Günter Ditgens

Der Name des Wesselinger Altbürgermeisters, Günter Ditgens, wird wohl mit dem verzweifelten Kampf deutscher Mittelstädte um die Erhaltung ihrer Hertie-Warenhäuser  in die Geschichte eingehen. „Das war Grund genug, für Kommunen und Einzelhandel die Probleme gemeinsam anzugehen“, erinnert sich Ditgens vor dem Plenum des Handelsimmobilien Kongresses in Berlin. Das Engagement von etwa 50 der von der Hertie-Pleite betroffenen Bürgermeister und ihr Gang zur Deutsche-Bank-Zentrale, um die Liquidation von Hertie aufzuhalten, zeigt eine neue Qualität kommunaler Stadtpolitik.

Und die große Furcht vor den Folgen der leer stehenden Warenhaus-Ruinen für den innerstädtischen Einzelhandel und die gesamte Innenstadt schweißt zusammen. Leerstand – insbesondere so großer Immobilien – breitet sich schnell auf Nachbarschaft aus.

Begonnen hatten die letzten Kapitel der Hertie-Story in der Theodor-Althoff-Straße in Essen, in der Zentrale der Karstadt AG. Das ursprünglich im Jahr 1881 von Rudolf Karstadt im ostdeutschen Wismar gegründete Unternehmen war vor seiner Krise, die 2004/05 ihren Anfang nahm,  mit über 180 Filialen der größte europäische Warenhaus-Konzern. Nach Übernahme des Frankfurter Wettbewerbers Hertie 1994 brachte es der fusionierte Warenhaus-Konzern sogar auf über 240 Filialen.

Gerade die Warenhäuser mit ihren großen Flächen und dem Rund-um-Sortiment konnten sich – wie auch der Universalversand – in den Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders in den 1960er- und 1970er-Jahren profilieren und satte Renditen erwirtschaften. In dieser Phase suchten sie auch die Expansion mit kleineren Häusern in mittleren Städten und Stadtteillagen der Großstädte. In einem Markt mit hohem Nachholbedarf, der vom Angebot geprägt war und fast alles aufnahm, gehörten die Flaggschiffe des Einzelhandels zu den großen Gewinnern.

Mit dem Aufbau neuer Vertriebsformen wie Verbraucher-, Heimwerker- und Elektrofachmärkte, die den wachsenden Sortimenten besser gerecht werden konnten als die Warenhäuser, die fürs „Alles-unter–einem-Dach-Konzept“ zu klein wurden, wurde vor allem für die kleineren Warenhäuser in den mittleren Städten und Stadtteillagen das Geschäft immer schwieriger. Viele waren ertragsschwach oder schrieben rote Zahlen und mussten – im Rahmen einer Mischkalkulation – durch die Erträge der Flaggschiffe in den Großstädten aufgefangen werden. Der Prozess begann mit der Polarisierung des Einzelhandelsmarktes in immer kleinere Segmente in den 1980er-Jahren.

Die entscheidende Frage war: Welches ist das richtige Sortiment für die kleinen Häuser? Dabei geriet den Flaggschiffen der Vorteil früherer Jahre, der kostengünstige, zentrale Einkauf für alle Filialen, zum Nachteil. Die regionale Feinsteuerung durch den Filialleiter vor Ort war so nur schwer möglich. Das unterscheidet auch heute noch die zentral geführten Warenhaus-Konzerne von den mittelständischen Kaufhäusern, die erfolgreich im Markt operieren.

Bereits Mitte der 1990er-Jahre wurde im Vorstand des Karstadt-Konzerns über die richtigen Konzepte für die kleinen Häuser diskutiert. Als 1997 zwischen Vorstand und Aufsichtsrat ein Machtkampf um die Spitze des Warenhaus-Konzerns entbrannte, wurde sogar kolportiert, dass der Herausforderer des damaligen Vorstandschefs Walter Deuss, Klaus Eierhoff, bereits eine Liste mit 50 Häusern in der Schublage habe, die er schließen wollte, sofern er neuer Vorstandschef werden sollte. Der Umsturz wurde jedoch von der Mehrheit des Aufsichtsrats gestoppt. Eierhoff war vor seinem Wechsel zu Karstadt Kollege von Ex-Karstadt-Quelle-Chef Thomas Middelhoff bei Bertelsmann.

Middelhoff setzte nach seinem Amtsantritt 2005 die Pläne mehr oder weniger um. Statt zu sanieren, sonderte er die kleineren Karstadt-Kompakt-Häuser aus und verkaufte sie – nebst den Hertie-Namensrechten – an Dawnay, Day. Das Ende ist bekannt.

Die Frage, was mit den 45 Hertie-Warenhäusern geschehen soll, die bislang noch nicht verkauft werden konnten, beschäftigt jetzt die Bürgermeister und wirft die Frage auf, was die Kommunen zur Lösung des Problems überhaupt tun können. „Niemand kann es sich leisten, die City den Bach runter gehen zu lassen“, mahnt denn auch Ditgens zum Handeln. „Für Planungen ist immer Geld da“, so der Kommunalpolitiker weiter, „es ist nur eine Frage der Prioritäten“. Die anwesenden Projektentwickler mahnte er, „wenn Sie investieren wollen, dann fordern Sie die Kommunen, reden Sie direkt mit dem Bürgermeister, bleiben sie nicht auf der Verwaltungsebene. Stellen Sie Ihre Forderungen. Lassen Sie sich Mitarbeiter zuweisen.“

Ditgens selbst hatte sich in seiner Zeit als Bürgermeister von Wesseling mit viel Engagement für die Innenstadt eingesetzt, beispielsweise indem er die Parkgebühren abschaffte, um den Individualverkehr zu fördern, der aus seiner Sicht in den mittleren Städten wichtig ist. Und es gelang ihm McDonalds für seine Stadt zu gewinnen. „Ich habe lange gebraucht“, erinnert er sich. Doch dann stellte das Unternehmen 10 Tage vor Weihnachten den Bauantrag. „Am 2. Januar hatte McDonald’s die Genehmigung“, so Ditgens. Heute muss die Hertie-Krise den Anstoß geben, damit Kommunen, Handel und Immobilien-Eigentümer den Weg für gemeinsame Lösungen finden.

Mit Blick auf die Tatsache, dass viele Stadträte von Lehrern bestimmt werden, denen kaufmännisches Denke nicht vertraut ist, plädierte der Altbürgermeister dafür, dass mehr Unternehmer in den Räten mitarbeiten sollten: „Es ist möglich, die Kommunen in die richtige Richtung zu bringen“, so seine Überzeugung. Und es sei wichtig, dass Einzelhandel und Immobilienwirtschaft an der Umgestaltung der Innenstädte beteiligt würden. Doch dafür braucht es mehr kaufmännischen Sachverstand in den Räten.

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