IW Köln zur Entwicklung der Bundesländer – In Berlin Arbeit statt Party

(Foto: visitberlin.de)

(Foto: visitberlin.de)

(KK) Das muss man sich auf der Zunge wirklich zergehen lassen – Das arbeitgebernahe Institut IW Köln lobt die Hauptstadt Berlin. Dabei lassen doch die Forscher kaum einen Moment aus, um der geneigten Öffentlichkeit stets zu erklären, dass Berlin quasi ein unregierbarer Geld verschlingender Moloch  sei, völlig unsympathisch, stets Party feiere (insbesondere sein Regierender Bürgermeister) und nur überleben könne, weil es doch am Tropf der Schönen und Reichen (Bundesländer) hänge, seine Politiker nichts taugten und was dergleichen Vorurteile mehr sind. Und nun das:
Auf den ersten Blick ändert sich nicht viel rund um den Regierungssitz: Berlin hatte im Juli 2013 mit 11,8 Prozent die höchste Arbeitslosigkeit aller Bundesländer, und das Debakel um den Flughafen BER will einfach nicht enden. Doch die Wirtschaft der Hauptstadt entwickelt sich schon seit 2006 überdurchschnittlich.
Auch 2013 könnte das Wachstum der Stadt nach Einschätzung der Wirtschaftssenatorin Yzer mit 1,4 Prozent klar über dem Wert für Deutschland liegen, der von Forschungsinstituten auf 0,5 bis 1,0 Prozent taxiert wird. Dabei wachsen die Bäume in der dienstleistungsorientierten Berliner Wirtschaft zwar nicht in den Himmel: 2012 lag das Plus mit 1,2 Prozent gerade ein halbes Prozent über dem deutschen Schnitt und im industriegetriebenen Boom 2011 lagen Bayern und Baden-Württemberg mit Raten von über 4 Prozent weit vorn; doch der Aufschwung ist stetig und keine Eintagsfliege: Seit 2005 konnte die Beschäftigung um circa 19 Prozent zulegen, im ersten Halbjahr 2013 allein um 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
In Sachsen stieg die Beschäftigung seit 2005 nur um etwa 5 Prozent, im benachbarten Brandenburg um gut 6 Prozent. In den anderen Ost-Ländern war der Zuwachs noch geringer. 2012 musste das einwohnerstärkste Ostland Sachsen sogar einen kleinen Rückgang des BIP verkraften, während das deindustrialisierte Mecklenburg-Vorpommern um fast 2 Prozent wuchs. Mit dem Anziehen der Weltkonjunktur dürften die industriestarken Länder aber 2014 wieder besser dastehen.
Beim Arbeitsplatzzuwachs konnte Berlin in den vergangenen Jahren auch die Westländer abhängen. Gründe dafür gibt es einige: Der Tourismus boomt – bei den Gästeübernachtungen lag die Metropole an der Spree im vergangenen Jahr europaweit auf Rang drei hinter London und Paris. Zudem entstehen immer mehr hochwertige Dienstleistungsjobs. Die High-Tech-Gründerszene der Hauptstadt wird inzwischen weltweit wahrgenommen, die britische BBC fragte in einem Editorial unlängst sogar, ob in Berlin gerade ein neues Silicon Valley entsteht.
Dass die Arbeitslosigkeit trotz des Beschäftigungsbooms nicht stärker gesunken ist, hat indes einen einfachen Grund: In den vergangenen drei Jahren sind über 120.000 meist junge Menschen zugewandert, darunter viele Hochqualifizierte, die auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen haben. Doch so setzt sich der Aufschwung – anders als in den schrumpfenden Ost-Flächenländern – nicht in einen gleich starken Rückgang der Arbeitslosigkeit um.
Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 31.000 Euro je Einwohner 2012 kann die Hauptstadt aber noch lange nicht im Konzert der deutschen Top-Städte mitspielen. Berlin bleibt sogar noch unter dem Bundesschnitt von knapp 33.000 Euro. Fehlende Konzernzentralen und die geringe Industriedichte verhindern einen besseren Wert. Sollte unter den vielen Gründungen allerdings ein Google, SAP oder Microsoft von übermorgen sein, könnten die Karten in Deutschland neu gemischt werden.