Politik auf der Suche nach Realitätsbezug

Mündige Anleger werden Rendite über längere Zeit nur noch über Immobilien, geschlossene Fonds und Aktien erwirtschaften können

Edmund Pelikan, BeteiligungsReport

 Mitte Juli kam ein Sommerinterview in der Welt am Sonntag mit dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder. Er äußerte darin, man „habe alles richtig gemacht.“ Dies meinte er in Bezug auf die Finanzkrise. Und Norbert Lammert, der ansonsten für seinen unkonventionellen und werteorientierten Politikstil bekannt ist, kritisierte Ökonomen, da ihre Lösungsansätze untauglich sind, die Krise zu lösen. Wenn solche Sätze über die Redaktionsticker gehen, können Marktbeobachter derzeit oft nur den Kopf schütteln. Der Kabarettist Georg Schramm sagt dann immer, dass er dann immer eine schwere Nierenkolik bekommt.

 Sehen wir uns die Fakten an: Bereits jetzt hat sich Deutschland mit über 500.000.000.000 EUR – in Worten fünfhundert Milliarden Euro – an Zahlungen, Bürgschaften und aufgelaufenen Salden aus den Target2-Konten der Bundesbank an der europäischen Sanierung beteiligt. Das sind mehr als 6.250 Euro pro Bundesbürger, natürlich auch auf jedes Kind, jeden Rentner oder jeden Arbeitslosen umgelegt. Hinzu kommen noch die zwei Billionen Euro Staatsschulden – eine Zahl mit 12 Nullen, die so ausgeschrieben aussieht: 2.000.000.000.000 – von Bund, Ländern und Gemeinden, was auch pro Bundesbürger nochmals 25.000 Euro Kopfgeld ergibt. Das sind also die tauglichen Lösungsansätze der Politik.

Seit Jahrzehnten deutet man die Wirtschaftstheorie von Keynes als Aufforderung für den Staat, Schulden zu machen. Richtig ist aber, dass Keynes im gleichen Atemzug sagte, dass in guten Phasen die wirtschaftsstabilisierenden, antizyklischen, schuldenbasierten Investitionen der Krisenzeiten wieder zurückgezahlt oder sogar im Vorhinein zurückgelegt werden sollen. Politiker können aufgrund ihres Interessenkonfliktes, wieder gewählt werden zu wollen, nicht wirtschaften. Wie sagte Werner Rohmert so schön in seinem kürzlich erschienenen Immobilienbrief: „Als überzeugter Gläubiger der Kurzsichtigkeit der Menschheit und ihres gefährlichsten Schlages, der Politik, bin ich sicher, dass wir gar nicht sehen werden, dass es gar keine Lösung mehr gibt.“ Pessimistischer Ausblick, den Werner Rohmert hier sieht und der im krassen Gegensatz zu den Einschätzungen der anfangs zitierten Politiker steht. Worin liegen diese Deutungsunterschiede? Brechen wir es einfach doch mal herunter:

 Stellen Sie sich vor, dass Sie für Ihren Nachbarn, den sie kaum kennen und der schon mal wegen Schummelei erwischt wurde, ein Jahresgehalt verbürgen und sofort mal 10.000 Euro auf den Tisch des Hauses legen müssen. Warum sollten Sie das machen? Weil er in der gleichen Straße wie Sie wohnt? Weil er im Laden um die Ecke einkauft? Selbst wenn man Ihnen erzählt, dass der Laden dann pleite geht, wenn dieser Nachbar nicht mehr dort einkauft, würden Sie es doch aus gesundem Menschenverstand heraus nicht tun. Oder?

 Doch, Sie würden es sich vielleicht tatsächlich überlegen, dem Nachbarn beizuspringen, wenn es nicht Ihr persönliches Geld ist, mit dem Sie helfen. Versetzen wir uns in die Lage, dass Sie das Recht hätten, jedem Bürger in Ihrer Stadt einfach 100 Euro an Solidaritätszuschlag abzunehmen. Bei 10.000 Menschen sind das dann 1.000.000 Euro. Dem dicken Bonzen von gegenüber sagen Sie dann noch, dass er statt des Porsches doch auch einen 3er-BMW fahren könne. Aus Solidarität eben! Und Ihrem Nachbarn geben Sie dann großzügig das Darlehen. Ein paar Euro für die aufwendige Verwaltung fallen auch noch für Sie privat dabei ab. Im Grunde ist es dann egal, ob Ihr Nachbar das Geld zurückbezahlt, denn wenn das Geld weg ist, können Sie sich ja wieder Geld von den anderen holen. Es ist ja Ihr Recht, ja sogar Ihre Pflicht, Schummlern zu helfen! 

 Lukrativ wird es dann, wenn Sie auch Schulden machen können und keine oder nur wenige Zinsen dafür zahlen müssen. Das ist besonders subtil, da Sie sich das Geld nicht von den jetzt Lebenden holen, sondern von den noch ungeborenen Kindern. Und die können sich noch nicht wehren. Und den heute Lebenden ist es eh egal, es betrifft sie ja heute nicht. Das i-Tüpfelchen ist, dass Sie persönlich durch die Verwaltung der Schulden und die Verteilung des Geldes immer mächtiger werden und jeder, der zukünftig Pleite geht, zu Ihnen kommt und um Hilfe bittet. Das tut Ihrer Persönlichkeit unheimlich gut und Sie werden zum Retter Ihrer Nachbarn. Selbstverständlich werden Sie auch zum Bürgermeister gewählt. Manchmal, wenn Sie wieder Geld eintreiben, murren die Menschen zwar, aber wenn es nicht mehr geht, wissen die Menschen ja, wo sie Geld bekommen können! In kürzester Zeit bekommen deshalb mehr Nachbarn von Ihnen Geld, als welche, die unterm Strich etwas geben müssen. Die Macht ist über die Mehrheit der Nehmenden gesichert.

Glauben Sie, dass Angela Merkel, Philipp Rösler, Sigmar Gabriel oder Claudia Roth persönlich in Höhe eines Jahresgehaltes Griechenlandanleihen kaufen würden? Ein reales Beispiel dafür gab der ehemalige Finanzminister Eichel. Bei einer Aktion des Handelsblatts gab er 2010 werbewirksam bekannt, er zeichne erstmals Griechenlandanleihen. Zwei Jahre später hatte Frank Stocker für einen Weltartikel nachgefragt. Er bekam die Aussage, er habe dann doch nicht gezeichnet, weil die Stückelung nicht passte. Der Journalist Frank Stocker hatte aber selbst gezeichnet und sein Geld mehr oder weniger durch den Schuldenschnitt Griechenlands verloren. Natürlich hatte der griechische Ministerpräsident noch davor bekundet, dass Griechenland jeden Eurocent zurückzahlen wird. So sehen also die tragbaren Lösungen der Politik aus, die alles richtig machen.

Die Lehren daraus sind – sozusagen – die 10 Gebote der Anlegermündigkeit:

1)         Glaube keinem Politiker in Sachen Geld!

2)         Der Staat schützt nicht Dein Geld, er will es!

3)         Umverteilungspolitik wird die Regel!

4)         Viele Wirtschaftstheorien sind widerlegt. Es zählt der gesunde Menschenverstand!

5)         Ökonomen denken und publizieren ihre Meinung, entscheiden musst Du selbst!

6)        Rating kommt von raten, da sie in die Vergangenheit blicken!

7)        Es gibt keine sichere Geldanlage, nur Streuung schafft eine gewisse Risikodiversifizierung!

8)        Es bleibt keinem erspart, sich im Thema Finanzen zu bilden!

9)        Kaufe nicht, was Du nicht verstehst!

10)      Bleibe entspannt, denn Du kannst dich dem System kaum entziehen.

Denn als Investor entscheidest man selbst, über wen man sich aufregt!

Schwierig ist tatsächlich, welche Anlagestrategie die richtige Antwort für mündige Anleger ist: Wissen, was richtig war, wird man es aber erst im Nachhinein. Deshalb stehen im Vordergrund weiterhin zwei Ideen: Streuung und Antizyklik. Aber auch hier gilt es aufzupassen. Wenn man Immobilien nimmt, sollte man Immobilienhandel dem Langfristinvestment vorziehen, eher Mittelzentren wie Metropolen, eher Wohnen wie Büro. Trotzdem gibt es für alle gerade bevorzugten Bereiche Negativbeispiele, bei denen man sagen müsste: Mach das bloß nicht. Es bleibt zu betonen, dass der Anteil von reellen Sachwerten im Portfolio entscheidend für eine gewisse Portfoliostabilität ist.

Anleger werden streckenweise Geld verlieren, das ist sicher. Und zwar deutlich weniger durch vermeintliche Negativprodukte wie geschlossene Fonds oder Aktien, sondern durch festverzinsliche Anleihen, Staatspapiere und Festgelder. Vielleicht nicht so sehr offensichtlich, sondern größtenteils heimlich und subtil allein schon durch fehlenden Inflationsausgleich. Sogar Immobilienwerte können durch Gesetze wie das Lastenausgleichsgesetz von 1952 vom Staat abgeschöpft werden.

Als kleinen Ausblick sieht man nach Bayern, das gerade gegen den Länderfinanzausgleich klagt. Ein geschickter politischer Schachzug des bayerischen Ministerpräsidenten, der es schafft, zwei Meinungen gleichzeitig zu haben. Wer gegen den Länderfinanzausgleich ist, muss doch noch mehr gegen ESM, gegen Zwangsanleihen und gegen die Belastungen aus Umverteilungspolitik sein. Wie sagte sein Finanzminister Söder so schön: „Wir sind solidarisch, aber blöd sind wir nicht!“ Die bayerischen Macher sollten nur achtgeben, dass das nicht auch mal ihre Bürger zu ihnen sagen!

 

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