DIW Berlin: Bündnis 90 / Die Grünen auf dem Weg zu einer bürgerlichen Partei

Karin Krentz

Die Partei Bündnis 90 / Die Grünen befindet sich in einem Stimmungshoch, nicht nur in Berlin. Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg sind weitere Beispiele, und ginge es nach den Grünen, so kämen weitere dazu. Nun bestätigt eine Langzeitanalyse des Deutschen Institut für Wirtschaft Berlin (DIW), die Partei Bündnis 90 / Die Grünen befindet sich auf dem Weg zu einer bürgerlichen Partei. Vorbei die Zeit, als die Grünen eine Partei der gebildeten, aber schlecht verdienenden, ökologisch orientierten Jungen waren. „Inzwischen ist es den Grünen gelungen, sowohl die frühen Unterstützer dauerhaft an die Partei zu binden und bei Erst- und Jungwählern zugleich weiterhin überdurchschnittlich erfolgreich zu sein“, sagt Martin Kroh, einer der Autoren dieser Studie. „Heute sind die Grünen die Partei der umweltbewussten, gut gebildeten, gut verdienenden Beamten und Selbstständigen mittleren Alters in Großstädten.“

Ein großer Teil der ehemals jugendlichen grünen Anhänger ist inzwischen insbesondere unter Besserverdienenden, Beamten, Angestellten und Selbstständigen zu finden. Bündnis 90/Die Grünen machen somit hinsichtlich der Interessenvertretung einer bürgerlichen Klientel insbesondere der Union und der FDP Konkurrenz. Dennoch gilt: Bei den Schwankungen der Anhängerschaft gibt es für die Grünen einen Austausch nahezu ausschließlich mit einer einzigen Partei – der SPD.

Gering Gebildete, Arbeitslose und Geringverdiener unterstützten die Grünen hingegen kaum. Grüne Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik müsse auf diese Klientel folglich nur wenig Rücksicht nehmen. „Der Aufstieg der Grünen ist alles andere als ein kurzfristiges Phänomen“, so Jürgen Schupp, Leiter des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) im DIW. „Vielmehr ist die Partei im Bürgertum sehr dauerhaft etabliert – eine klassisch linke Klientel haben die Grünen hingegen derzeit nicht.“

Bezogen auf die sozialstrukturelle Position ihrer Anhänger finden die Grünen heute somit die höchste Unterstützung bei einem gutsituierten Bildungsbürgertum. „Gerade auch der Erfolg bei Selbstständigen und Freiberuflern sowie bei Personen mit überdurchschnittlichen Einkommen untergräbt den bürgerlichen Alleinvertretungsanspruch von Union und FDP für diese Klientel“, so Studienautor Martin Kroh. „Die fehlende Unterstützung der Grünen bei Menschen mit geringer Bildung, Arbeitern und Arbeitslosen deutet hingegen darauf hin, dass die Grünen trotz ihrer Selbstwahrnehmung als „linke“ Kraft mit der SPD und Linken faktisch nicht um Anhänger aus dem klassischen Arbeitermilieu konkurrieren.

Jenseits der Sonntagsfrage zeigt das SOEP, wie Parteibindungen mit Einkommen, Beruf und Bildung zusammenhängen. Die Untersuchung wirft einen analytischen Blick auf langfristige Trends. Sie greift dabei zurück auf die vom DIW Berlin zusammen mit TNS Infratest Sozialforschung erhobenen Daten des SOEP. Das Besondere dieser Daten: Zum einen werden im SOEP seit mehr als 27 Jahren stets dieselben Personen zu ihren parteipolitischen Präferenzen befragt, aber auch, wie viel sie verdienen, welche Bildungsabschlüsse und welche berufliche Stellung sie haben. Ein weiteres Ergebnis: Die meisten Personen, die angeben, einer Partei verbunden zu sein, bleiben dieser Partei auch in wiederholten Befragungen treu. Von den geschätzten 3,2 Mio. Anhängern von B90/Die Grünen des Jahres 2009 unterstützten rund 2,3 Mio. die Grünen auch im darauffolgenden Jahr, so das DIW.

Die Studie im Internet: www.diw.de