Interview Senatsbaudirektorin Regula Lüscher / Der Immobilienbrief Berlin

 

Regula Lüscher ist im März 2007 zur Senatsbaudirektorin in Berlin berufen worden. Dieses Amt steht in Berlin in großer Tradition; zur „Ahnengalerie“ gehören solch große Namen wie Ludwig Hoffmann, Hans Scharoun, Karl Bonatz, Hermann Henselmann, um nur einige zu nennen. Architekten-„Übervater“ ist Karl Friedrich Schinkel, dessen Architektur bis heute städtebaulichen Glanz über Berlin ausbreitet. Die Senatsbaudirektion ist zuständig für die Baukultur / Schwerpunkt Stadtbild, öffentlicher Raum und Ingenieurbauwerke sowie für Städtebau und Projekte und nimmt zugleich die Aufgaben der Obersten Denkmalschutzbehörde in Berlin wahr.

Lüscher hat die Nachfolge von Hans Stimmann angetreten, der im Jahr 2006 nach 15 Jahren als Senatsbaudirektor in den Ruhestand ging. Stimmann war bei Architekten, Stadtplanern und Investoren nicht unumstritten, setzte er doch schließlich mit seinem Planwerk Innenstadt die Rekonstruktion des historisches Stadtgrundrisses durch und war zeitgemäßer Architektur völlig abhold. Sein bekanntestes Credo ist das zur Traufhöhe von 22 Metern. Anders als Stimmann hat Lüscher keine Probleme mit moderner Architektur, doch in der Diskussion um die weitere städtebauliche Entwicklung Berlins bezieht sie mitunter sehr offen auch gegensätzliche Position wie z. B. auch in der auch vom Regierenden Bürgermeister geführten Rekonstruktionsdebatte der Altstadt unter dem Fernsehturm. Stadtentwicklung, so sagte Lüscher einmal, ist eine komplexe Angelegenheit, und da ist vertieftes Nachdenken über öffentliche und private Interessen unumgänglich.

Noch vor vier Jahren hatte Berlin kaum ein großes Bauwerk, dass sie begeistert, sagte Lüscher damals dem Internet-Magazin Swisslife. Das hat sich nun geändert: Heute sind es rekonstruierte Bauten wie das Neue Museum von David Chipperfield, das Naturkundemuseum von Diener und Diener, die Baulückenbebauung in der Brunnenstraße von Arno Brandlhuber, die Neubebauung am Garnisons-Kirchplatz, die die Senatsbaudirektorin begeistern können ebenso wie das Olympiastadion von Gerkan, die Botschaft der Niederlande von Rem Koolhaas oder die Feuerwache von Sauerbruch Hutton.

Der Immobilienbrief Berlin sprach mit Senatsbaudirektorin Regula Lüscher:

Frage

Berlin ist Hauptstadt des wirtschaftsstärksten Landes in Europa, Deutschland ist eine politische Macht in der EU und in der Welt. Nach dem Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos ist Berlin prädestiniert, Zukunftslabor der Welt zu sein. Davon ist in städtebaulicher Sicht wenig zu sehen. Was sind die Gründe?

RL: Was ist der städtebauliche Ausdruck eines „Zukunftslabors“? Wer Dubai oder Shanghai zum Vorbild nimmt, wird Berlin nicht gerecht. Dubai oder Shanghai sind nur scheinbar modern. Sie sind Reminiszenzen eines Stils, den die USA ab der vorletzten Jahrhundertwende geprägt haben. Aber wir wollen weder das eine noch das andere kopieren, um unsere Bedeutung aufzuwerten. Berlin hat eine andere Tradition, aus der es seine Zukunftsperspektiven bezieht. Wofür wir sorgen müssen ist, dass die individuelle Gestaltung bei hoher Qualität und bezahlbaren Kosten, die viele Baugruppen mit ihren Architekten schon erreichen, auch bei städtebaulich relevanten Projekten umgesetzt werden kann. Das kann mit bewährten Verfahren wie Wettbewerben erreicht werden, aber auch neue Strategien sind notwendig. Um diese zu finden und auszuprobieren, will ich das zum Thema einer weiteren IBA in Berlin machen.

Frage

Berlin hat Flächen ohne Ende. Mediaspree, Tempelhofer Feld, Flughafen Tegel, Europacity und andere. Überlässt Berlin die Entwicklung dieser Areale allein den Investoren und Bezirksbürgermeistern? Kritiker bemängeln – es fehle der große Wurf. Was entgegnen Sie denen?

 

RL:Wenn Sie diese Kritiker nach ihrem „großen Wurf“ fragen, herrscht plötzlich Stille. Es geht aber gar nicht um einen genialen in Stein gegossenen Masterplan. Das ist Denken des 19. Jahrhunderts; das wird weder der modernen Stadtgesellschaft noch meinem Verständnis von Partizipation und Stadtentwicklung gerecht. Unsere große Idee ist es, die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger in Berlin zu verbessern und dafür muss ich keine Megaplanung machen.

In Zukunft werden weltweit immer mehr Menschen in Städten, in Megacities leben. Das fordert neue, menschengerechte Lösungen heraus, und wenn wir auf der kommenden IBA darüber nachdenken, wie wir bürgernah planen und gestalten können, dann hat Berlin erfolgreiche, zukunftsweisende Beispiele und Erfahrungen beizutragen.

Das gerade vom Senat beschlossene Planwerk Innere Stadt (siehe dazu Der Immobilienbrief Berlin, Nr.38) und eine Vielzahl von aktuellen Stadtentwicklungsplänen sind zum Beispiel Mosaiksteine, um mehr Lebensqualität für alle zu erreichen. Flächennutzungsplan und Rahmenpläne helfen bei der politischen Steuerung, und mehr und mehr konsensorientierte Verfahren wie zum Zukunftsraum Historische Mitte oder zur City West sorgen dafür, dass alle Beteiligten ihre Stärken bei der Umsetzung konkreter Projekte einsetzen können und höchstmögliche Verfahrenstransparenz auch eine wirksame Bürgerbeteiligung ermöglicht.

Frage

Jüngst ist durch Beschluss des Senats von Berlin aus dem Planwerk Innenstadt, das der damalige Senatsbaudirektor Hans Stimmann im Jahr 1999 ins Leben gerufen hat, das Planwerk Innere Stadt geworden. Wie ist das zu verstehen – Sind denn alle Aufgaben erfüllt, alle Etappen des Planwerks Innenstadt erreicht? Wie soll das neue Planwerk umgesetzt werden, wer ist daran beteiligt?

RL: Städtebauliche Planungen für weite Bereiche einer Metropole können nicht als ein starres Zielbild verstanden werden, das dann in wenigen Legislaturperioden vollständig abgearbeitet wird. Sie sind eine wichtige Diskussionsgrundlage, die an den Orten, wo tatsächlich Handlungsbedarf besteht, konkretisiert werden müssen; so entwickelt und verändert sich ein Planwerk schrittweise. Dieses Verständnis wird im aktualisierten Planwerk Innere Stadt deutlich lesbar, ebenso wie die Tatsache, dass städtebauliche Überlegungen allein keine erfolgreiche Stadtentwicklung ermöglichen. Viele andere Fachplanungen, beispielsweise zum Verkehr, zur Grünflächenentwicklung oder zur sozialen Entwicklung in den Quartieren sind auch zu berücksichtigen und werden jetzt ergänzend dargestellt. Vor allem aber zeigt jetzt ein Plan, wo der Senat seine Aktivitäten konzentriert. Das hilft auch deutlich zu machen, in welchen Verfahren und Projekten die Entwicklung mit Bezirken Investoren und Bürgern gemeinsam vorankommt.

Frage

Der Bezirk Mitte hat mit seinem Sechspunkteplan zur Hauptstadtentwicklung mehr Leben im Regierungsviertel gefordert anstelle von langweilig, leer und öde. Was ist die Meinung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und der Senatsbaudirektion?

RL: Hauptstadtentwicklung ist eine Generationenaufgabe und muss immer wieder von allen Beteiligten diskutiert werden. Es hat sich bewährt, die Verantwortlichen im Bezirk Mitte intensiv in den Entwicklungsprozess einzubeziehen, und ich begrüße es deshalb, wenn der zuständige Stadtrat auch engagiert Position bezieht. Die gute Zusammenarbeit mit dem Bund, um Berlin für die Bundesseite wie für die Bewohner und Besucher Berlins zu einer attraktiven Hauptstadt zu machen, ist eine wichtige Aufgabe der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Erfolge sind offensichtlich: das Regierungsviertel ist auch ein Besuchermagnet, aber bei jedem Projekt ist immer wieder um die beste Lösung zu ringen. Das wird noch eine Weile so bleiben.

Frage

Keine Stadt hat so viele Internationale Bauausstellungen erlebt wie Berlin – 1910, 1931, 1957 und 1984/87. Nun soll es wieder eine geben, im Jahr 2020. Mit den Themen „Raumstadt“ und „Sofortstadt“ soll nach „neuen Ideen, neuen Typen von Baufrauen und Bauherren, neuen architektonischen Haltungen und neuen Instrumenten“ für die städtebauliche Entwicklung Berlins gesucht werden. Was passiert bis dahin? Was meint Raumstadt? Sofortstadt?

RL: Das versuchen wir gerade mit einem sehr kreativen Team von Expertinnen und Experten zusammen herauszufinden, die sich jetzt und in den kommenden Monaten gemeinsam der fachlichen und öffentlichen Diskussion stellen. Es gibt noch keine abschließenden Antworten.

Das Thema Raumstadt setzt sich auseinander mit Strategien zum Umgang mit den großen innerstädtischen Freiflächen, die entwickelt, provisorisch genutzt, aber auch für die Zukunft bewahrt werden können, weshalb in diesem Zusammenhang auch die Entwicklungspotenziale in den bestehen Quartieren Beachtung verdienen. Das Themenfeld Sofortstadt greift die einzigartige Stärke Berlins auf, eine große Zahl verschiedenartigster Zwischen- und Pioniernutzer zu haben, die ohne große Investitionen und oft sehr spontan und damit sehr schnell Orte entdecken und nutzen und damit die Stadtentwicklung bereichern. Diese besonderen Potentiale Berlins können in einer Stadt, in der Bürger, Investoren und öffentliche Stellen mit knappem Geld viel erreichen wollen, zukünftig durch neue Strategien noch erfolgreicher genutzt werden.

Frage

Was gibt es Neues aus dem Baukollegium, dem Sie vorstehen? Kritiker wünschen z. B. sich das Ende der Traufhöhenbegrenzung von 22 Metern als Ausdruck einer städtebaulichen Vielfalt?

RL: Man kann ein Gebäude besser oder schlechter gestalten, egal ob es 22 Meter hoch ist, niedriger oder höher. Es ist aber wichtig zu klären, ob und wie sich ein Gebäude an seinem bestimmten Ort in seine Umgebung einfügen soll, die in Berlin oft durch eine einheitliche Traufhöhe geprägt ist, oder ob es die bessere Strategie ist, sich gerade vom Umfeld abzuheben. Weil jedes Patentrezept schnell an seine Grenzen kommt, ist es gut, bei solchen Entscheidungen erfahrene Gestalter an seiner Seite zu haben, die keine eigenen Interessen im Projekt vertreten.

Im Baukollegium werden deshalb gestalterisch wichtige Einzelprojekte auf ganz konkrete Fragen der Gestaltungsqualität hin diskutiert und nicht dogmatische Grundsatzfragen, wie dies Kritiker gerne tun. Ergebnis sind fachliche Empfehlungen an die Bauherren und die Genehmigungsbehörden, damit sich beide möglichst zügig aus einem gemeinsamen Verständnis der Gestaltungsanforderungen heraus auf eine genehmigungsfähige Lösung einigen.

Danke für das Interview!

Regula Lüscher

1961 geboren in Basel/Schweiz

1980 Abitur /Architekturstudium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich

1987/88 Architektin im Büro Max Baumann & Georges Frey, Dipl.Arch. ETH/BSA Zürich

1988/89 Architektin im Atelier von Prof. Dipl.Ing. Adolf Krischanitz/Wien

1989/98 Architekturbüro mit Patrick Gmür in Zürich

1998 Berufung zur Bereichsleitung Architektur und Städtebau im Amt für Städtebau der Stadt Zürich, Mitglied der Geschäftsleitung

2000 Beförderung zur Gesamtleitung Stadtplanung (Regional- und Nutzungsplanung, Städtebau, Architektur) im Amt für Städtebau der Stadt Zürich, Mitglied der Geschäftsleitung

2001 Ernennung zur Stellvertretenden Direktorin Amt für Städtebau Zürich

2007 Senatsbaudirektorin in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berlin.