Stuttgart 21 und kein Ende – Die Bedeutung aus immobilienwirtschaftlicher Sicht

Das kann mit Fug und Recht gesagt werden: Kein anderes städtebauliche Projekt hält Deutschland so in Atem wie das Projekt Stuttgart 21. Bereits seit über 20 Jahren wird über das Vorhaben diskutiert, werden von Projektverantwortlichen und Befürwortern Gutachten um Gutachten erstellt. Die Gegner bemühen sich erst in jüngster Zeit um ein Gegengutachten nach dem anderen, instrumentalisieren nicht nur die Presse bis hin zu Personen des sog. öffentlichen Lebens. Nicht selten entbehren diese „Stellungnahmen“ jeglicher sachlicher Grundlagen, werden besonders seit einem Jahr einseitig und überhitzt geführt und sind voll Polemik.

Nun werden sogar Magisterarbeiten dazu geschrieben, denn zu dem laufenden Projekt gibt es keine abschließende Projektliteratur. Bemerkenswert deshalb ist die Veröffentlichung „Stuttgart 21: Immobilienwirtschaftliche Bedeutung – Bahn- und Städtebauprojekt Stuttgart 21 aus Sicht der Immobilienwirtschaft“ von Rainer Reddehase FRICS, Regionalgruppe Stuttgart sowie des Vereins Immobilien (Diplomica-Verlag Hamburg). Das Buch basiert auf einer Masterarbeit Reddehases zum gleichen Thema und wurde im Sommer 2011 aktualisiert. Reddehase hat sich während eines Masterstudiengangs an der Universität Regensburg/IREBS intensiv mit dem Bahn- und Städtebauprojekt Stuttgart 21 beschäftigt.

Ergebnis ist ein Buch, das sich auszeichnet durch eine wohltuende Betrachtung des Themas, die auf Abstand bedacht ist, was in dieser angespannten Lage gut tut. Nicht nur, dass der Autor alles ausgewertet hat, was auf dem Markt zu Stuttgart 21 vorhanden ist wie Gutachten aller Art, Umfragen (oft durch Zeitungen wie Stuttgarter Nachrichten u.a. inszeniert), entsprechende Unterlagen der Deutschen Bahn AG, der EU-Kommission, der Arbeitskreis-Initiative Magistrale für Europa, der Landeshauptstadt Stuttgart, des Statistischen Amtes der Stadt Stuttgart usw. Reddehase distanziert nicht, wägt auch nicht ab, sondern führt sachlich und chronologisch Fakten auf, die für sich allein schon so überzeugend wirken, dass sie eigentliche den Gegnern beim Lesen jeden Wind aus den Segeln nehmen müssten, wenn, ja wenn diese überhaupt bereit sind, ebenso sachlich zu argumentieren und den viel zitierten „Wutbürger“ ablegen können.

Für dieses Buch wurden ca. 500 Personen aus der Immobilienwirtschaft der Region Stuttgart  per E-Mail befragt wie die Mitglieder der Royal Institution of Chartered Surveyors sowie des Vereins Immobilienwirtschaft Stuttgart e.V. Zudem wurde der Fragebogen bei Fachveranstaltungen öffentlich ausgelegt und verteilt, insgesamt 700 Stück. Ergebnis: Innerhalb der Branche liegt die Zustimmung zum Projekt bei 90 Prozent, über 60 Prozent sehen sich auch beruflich betroffen, vorwiegend positiv. Mit dem geplanten Einkaufszentrum können sich die wenigsten anfreunden, begrüßt wird ein „Botschafter für Stuttgart 21“ und die auf dem Gelände geplante „Bibliothek des 21. Jahrhunderts“ wird sehr akzeptiert. Und: Das von Projektgegnern vorgeschlagene Alternativkonzept „Kopfbahnhof 21“ wird mit gleich 85 Prozent abgelehnt! Dass das Projekt den Wirtschaftsstandort Stuttgart fördern wird, wurde von 94 Prozent anerkannt. Und: von dem Sonderkonjunkturprogramm, das der Bau vonS21 sowie so auslöst, ganz zu schweigen. (Doch darüber sehen diese selbsternannten „Wutbürger“ geflissentlich hinweg wie über vieles andere auch.)

Das Buch ist auch deshalb so lesenswert, weil es viele Details enthält, die eigentlich auch oder besonders diese Protestler interessieren müssten, vor allem die Kostenfrage. Denn sollte das Projekt nicht realisiert werden, so gehen nach Reddehase 3 Mrd. Euro allein der Stadt verloren. Es wäre interessant zu wissen, wie detailliert sich die S21-Gegner überhaupt über die Kosten informiert haben. Auch hat z.B. vor hundert Jahren die Eisenbahn gegen erhebliche Proteste der Stadt Stuttgart 100 Hektar Fläche genommen, um Gleise für den Hauptbahnhof in den Stuttgarter Talkessel zu treiben, umgerechnet eine Mio. qm Fläche. Grünanlagen und Parks mussten weichen, die Gleise zerschneiden bis heute die Stadt und Schlossgarten. Die Stadt kaufte diese Flächen im Jahr 2002 zurück. Sie ist nicht nur Eigentümer, sondern hat auch uneingeschränktes Planungsrecht und will nun den Bürgern den Schlossgarten vollends zurückgegeben, auf 200.000qm erweitern und auf dem Rest einen neuen Stadtteil bauen, das Stadtquartier Rosenstein. Muss man darauf Wut haben, dass Wohnungen gebaut werden, auch wenn manche um den Charme, den Stuttgart angeblich durch seine Kessellage hat (doch nur für einige wenige), sich sorgen? Schon seit langem gehören Preise und Mieten in Stuttgarts Wohnimmobilienmärkten zu den höchsten Deutschlands und lassen nur einigermaßen Betuchten eine Chance.

Das Buch versorgt Befürworter von S21 weiter mit Argumenten und – es nimmt den Gegenern den Wind aus den Segeln. Aber lesen sollten die das auf alle Fälle.

Diplomica-Verlag Hamburg 2011, ISBN 978-3-8428-64511-1, Hardcover 49,50 Euro, E-Book 44,99 Euro