Nicht nur Wohnungen, auch Gewerbeflächen sind in Hamburg dringend gesucht

Gewöhnt an medialen Dauerbeschuss in Sachen dramatischer Wohnungsmangel und explodierende Mieten in der Hansestadt erfährt der Leser nun, dass der Mangel an Gewerbeflächen ebenfalls bedrohliche Ausmaße angenommen hat.

Das Ziel, 6000 neue Wohnungen pro Jahr zu bauen, ruft nun die Wirtschaftsverbände auf den Plan: „Wir sehen mit Sorge, dass bei dem geplanten Wohnungsbau die dringend benötigten Gewerbeflächen zu kurz kommen und Betriebe weiterhin ins Umland ausweichen“, so Handwerkskammer-Präsident Josef Katzer. Die Politik hätte bei der Umwidmung von Gewerbe- in Wohnflächen die Einwände der Wirtschaft komplett ignoriert.

 

Der Mangel an geeigneten Gewerbeflächen könnte schon bald den Mittelstand und die gesamte wirtschaftliche Struktur Hamburgs negativ beeinflussen, bestätigt Andreas Feike, vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft. Schon heute macht sich die angespannte Situation deutlich bemerkbar. Große Immobilienunternehmen verzeichnen trotz starker Nachfrage einen Einbruch beim Flächenumsatz von über 40 Prozent. Hamburg steht zwar noch immer bei vielen Mittelständlern an erster Stelle auf der Standort-Wunschliste, doch wegen fehlender geeigneter Flächen ziehen sie immer häufiger an der Hansestadt vorbei.  

 

Immer weniger Gewerbeflächen im Stadtgebiet

 

Tatsächlich sind bei der fast schon enthusiastisch zu nennenden Suche der Bezirke nach Flächen für den Wohnungsbau die Gewerbeflächen in den Hintergrund getreten. Allein in Altona sind nach Berechnungen der Handwerkskammer in den vergangenen Jahren 44 Hektar an freien Gewerbeflächen verloren gegangen. Das entspricht 90 Fußballfeldern. Übrig blieb ein Hektar.

 

Nun muss sich Bürgermeister Olaf Scholz auch diesem Thema widmen; im jüngst geschlossenen „Bündnis für den Mittelstand“ kommt es intensiv zur Sprache.  Danach sollen künftig im gesamten Stadtgebiet ständig gewerbliche Bauflächen in einer Größenordnung von 100 Hektar zur Verfügung stehen. „Das wird zu einer Daueraufgabe, die wir auch noch in der 12. Mittelstandsvereinbarung wiederfinden werden“, sieht der Bürgermeister allerdings voraus. Diskutiert wird die Einrichtung von Gewerbehöfen nach Münchener Vorbild, städtisch geführte Handwerkszentren, die Wohnvierteln angeschlossen und mit Grünflächen und Parkplätzen versehen sind. Die Mieten seien durch eine zusätzliche Planungsgewinnabschöpfung überschaubar, sagt Kammerpräsident Katzer.

Der Präses der Handelskammer, Fritz Horst Melsheimer, fordert die Schaffung von Technologieparks zur Förderung forschungsnaher Neuansiedelungen von Unternehmen.

 

Die starke Flächenknappheit ist für die Entwickler von Logistikimmobilien kein neues Problem. „Im Hamburger Stadtgebiet sind nahezu alle modernen und qualitativ guten Bestandsflächen vermietet. Die Nachfrage ist aber unverändert hoch. Das spüren wir quer durch alle logistischen Bereiche – vom reinen Umschlag bis hin zur komplexen Kontraktlogistik“, bestätigt Jan Dietrich Hempel, Vorstand der Garbe Logistic AG. „Weil gleichzeitig auch immer größere Logistikhallen mit 20.000 oder mehr Quadratmeter gewünscht werden, müssen neue Flächen zunehmend im Umland erschlossen werden.“

 

Nachbarland soll Flächen bereitstellen

 

Die Politik sitzt zwischen Baum und Borke. 6000 neue Wohnungen pro Jahr sind nicht durch Verdichtung allein zu erreichen, es müssen weiter städtische Gewerbeflächen umgewidmet werden. Von der CDU-Fraktion kommt eine durchaus originelle Forderung:  Hamburg müsse mit Hilfe eines Staatsvertrages mit dem nördlichen Nachbarn Schleswig-Holstein eine Vereinbarung zur Gewerbeansiedlung erzielen, um Flächen innerhalb des Stadtgebietes für den Wohnungsbau frei zu machen. Die Gewerbesteuern sollen sich die Bundesländer teilen.

Hintergrund ist die Erfahrung der vergangenen Jahre: Die Wirtschaftsbehörde blockiert mitunter große Flächen – in der Hoffnung, es fände sich bald ein Unternehmen, das sich dort niederlassen will. Die Umwidmung der Areale für den Wohnungsbau wird so verhindert.

 

Aber auch die Umlandgemeinden machen sich inzwischen Gedanken über die Wohnraumversorgung. Schleswig-Holstein kündigte eine „Offensive für bezahlbares Wohnen“ an. 50 Mio. Euro aus dem Wohnraumförderprogramm sollen an der Landesgrenze eingesetzt werden.

 

In Hamburg, wo der Bürgermeister sein politisches Überleben mit der Wohnungsfrage verknüpft hat, kommen die Erfolgsmeldungen über Genehmigungen inzwischen in Serie – 2012 wurden 8.731 Wohnung genehmigt, fast 30 % mehr als im Vorjahr. Was davon in welcher Zeit tatsächlich gebaut wird, ist aber unsicher. Die Opposition spricht von „Show-Programmen“, häufig handele es sich um Flächen, für deren Bebauung es kaum Unterstützung gibt.

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