Hertie-Bürgermeister: Hoffnung auf Einsicht in London

"Hertie"-Bürgermeister

"Hertie"-Bürgermeister

Für Bürgermeister Günter Ditgens ist es eine Herzensangelegenheit, dem Einzelhandel in Wesseling am Rhein das Leben zu erleichtern. So hat er beispielsweise die Parkgebühren in der Innenstadt abgeschafft und dafür gesorgt, dass sich innenstadtrelevanter Einzelhandel nicht auf der grünen Wiese ansiedelt und den Geschäften in der City das Leben schwer macht.

Doch das Schicksal des innerstädtischen Hertie-Warenhauses, einstmals eine Karstadt-Filiale, die von Ex-Arcandor-Chef Thomas Middelhoff als Karstadt-Kompakt-Warenhaus aussortiert und an den britischen Investor Dawnay, Day verkauft worden war, sorgt für erhebliche Irritationen. Seit Hertie im vergangenen Sommer Insolvenz anmelden musste, macht sich der parteilose Politiker, der auch gerne mal über den Tellerrand seiner Stadt blickt, zum Fürsprecher aller betroffenen Hertie-Standorte und Bürgermeister.

Die geballte Strukturkrise im Segment Kauf- und Warenhäuser, die im vergangenen Sommer mit dem Insolvenzantrag von Wehmeyer begann, sich über die Hertie-Insolvenz fortsetzte und nun mit dem Insolvenzantrag von Arcandor nebst Karstadt, Quelle und Primondo einen neuen Höhepunkt findet, trifft die von Warenhausschließungen betroffenen Kommunen bis ins Mark. Leer stehende Immobilien in der Dimension eines Warenhauses mitten im Stadtkern sind auf Jahre – bis eine neue Lösung gefunden ist – eine schwere Hypothek für  jede Innenstadt und für die benachbarten Einzelhändler, deren Geschäfte durch die Trostlosigkeit des Leerstands beeinträchtigt werden. Das kann bis zur Existenz-Gefährdung führen.

Der beherzte Marsch von Ditgens und 45 seiner Kollegen zur Deutsche-Bank-Zentrale in Frankfurt/Main (Foto unten) zeigt, dass die Kommunen offenbar begriffen haben, dass sie in dieser verfahrenen Situation handeln müssen. Jedenfalls zeigt die Aktion eine neue Dimension in der Kommunalpolitik. Denn die Mitte Mai beschlossene Liquidation von Hertie nützt niemandem  – nicht einmal dem Immobilieneigentümer Dawnay, Day. Denn Hertie wird die Filialen im Laufe der nächsten beiden Monate zumachen müssen. Das Blatt hoffen die Bürgermeister nun mit ihrem Vorstoß noch wenden zu können.

„Wir haben unser Etappenziel erreicht und sehen wieder einen Hoffnungsschimmer für Hertie und natürlich ganz besonders für die 2 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, resümierte Ditgens nach seinem eineinhalb stündigen Gespräch mit Deutsche-Bank-Vorstand Jürgen Fitschen am 9. Juni in Frankfurt. Die Bank will bekanntlich als Moderator fungieren und ein Gespräch zwischen Insolvenzverwalter Biner Bähr und den Immobilien-Eigentümern Dawnay, Day resp. Mercatoria  moderieren. Das Kreditinstitut hatte der britischen Dawnay Day das Darlehen für die Übernahme der ehemaligen Karstadt-Kompakt-Warenhäuser gewährt und die Hypothek über das Finanzierungsvehikel „Karstadt Kompakt Loan“ verbrieft. Gebündelt werden die Interessen von der niederländischen Mercatoria Acquisitons B.V.

Zu den Erfolgsaussichten  der jüngsten Aktion stellt Ditgens zunächst nüchtern fest: „Ich bin Realist. Die Situation ist gehörig verfahren, da bei Chris Hancock von Dawnay, Day der absolute Wille besteht, die Immobilien zu verkaufen“, so seine Einschätzung. In diesem Nervenspiel zwischen den Interessen des Insolvenzverwalters der deutschen Hertie und des Insolvenzverwalters der britischen Dawnay, Day spielt nach Ditgens Beobachtung der Immobilienspezialist Hancock die zentrale Rolle. Bei ihm laufen alle Fäden zusammen.

Die Hoffnung des Bürgermeisters gründet vor allem darauf,  dass Dawnay, Day doch noch erkennt, dass der eingeschlagene Weg nicht nur zum Nachteil von Hertie, sondern auch zum eigenen Schaden ist: „Die scheinen in London zu glauben, dass es keinen Unterschied macht, ob das Objekt, das sie verkaufen wollen, vermietet ist oder leer steht.“ Nach Ditgens Einschätzung sind auch die geforderten Kaufpreise (Wertansätze) zu hoch. Diesen Eindruck bestätigen auch Björn Isenhöfer und Andreas Martin, geschäftsführende Gesellschafter der Düsseldorfer Concepta Projektentwicklung, die sich auch für Hertie-Standorte interessieren.

„Wenn ich ein so großes Paket auf den Markt bringe, dann lassen sich die Rosinen natürlich gut verkaufen“, zählt Ditgens auf. Doch ein so großes Paket zu hohen Preisen anzubieten, mindere die  Chancen, die Objekte schnell verkaufen zu können. Aber darauf zielt offenbar die Strategie der insolventen Dawnay, Day ab. „Ich habe noch etwas Hoffnung, dass Dawnay, Day doch noch einsieht, dass es anders besser ist.“

Mit seiner Aktion hofft Ditgens, dass er Dawnay-Day-Manager Hancock davon überzeugen kann, dass die Hertie-Häuser zu diesen Preisen nicht zu verkaufen sind und dass er auf einem großen Teil sitzen bleiben werde. „Wenn das mal deutlich und klar gesagt wird, dann könnte sich vielleicht etwas bewegen.“ Mit dem Investor Phoenix, der die Hertie-Immobilie in Wesseling erwerben will,  hat Ditgens bereits gesprochen. Der sei auch dann an dem Objekt interessiert, wenn Hertie als Mieter drin bliebe.

Inzwischen bekundet auch die Investorengruppe um den Handelsexperten Rolf Schuchardt wieder Interesse, das operative Hertie-Geschäft zu übernehmen. Nach einem Bericht der FAZ gehören der Hertie-Finanzchef Marc Rahmann und der Schweizer Handelsmanager Serge Brugger zur Gruppe. „Die Investorengruppe ist auf Stand-by“, bestätigt ein Hertie-Sprecher. Zudem hat Ditgens nach eigenen Angaben einen weiteren Investor an der Hand.

Aber was passiert, wenn nichts passiert? Für diesen Fall hat Ditgens den Investor Phoenix an der Hand, der würde aus dem Hertie-Warenhaus eine Mall machen, mit den Sortimenten, die in der Stadt fehlen. Schwieriger wird es für die zahlreichen Standorte, für die sich noch kein Käufer gefunden hat. Hier sieht sich Ditgens als Vertreter der betroffenen Kommunen auch in der Verantwortung. „Wir müssen dann versuchen, einen anderen Kurs zu fahren, und schauen, wo es noch Chancen für Hertie gibt.“ Doch wird Plan B, wenn die Londoner nicht mehr zu Kompromissen bereit sind, die Kommunen vor eine echte Herausforderung stellen.

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