Stationärer Handel Schuld am Onlinewachstum?

2.November 2016   
Kategorie: News

Sechs Fragen an: Marco Kramer, Leiter Research der Real I.S. AG

Herr Kramer, wie stark ist der Online-Handel in Deutschland in den vergangenen Jahren gewachsen?
Ende der 90er Jahre begann der internetbasierte Handel rasant zu wachsen. Zwischen 2000 und 2012 verzeichnete der deutsche Online-Einzelhandel jährliche Wachstumsraten von durchschnittlich 33 Prozent. Seitdem ist die Wachstumskurve jedoch deutlich abgeflacht.

Das Wachstum des Online-Handels ist also an seine Grenzen gestoßen?
Kramer: Tatsache ist, dass das Wachstum im Online-Handel seit einigen Jahren abnimmt. Der jährliche Umsatz steigt seit ca. 2012 nur einstellig an. Dies ist einerseits Ergebnis einer gewissen Nachfragesättigung in Warensegmenten wie Bücher, Medien und sogar Technik. Andererseits kommen soziodemografische Entwicklungen und neue Paradigmen dem stationären Einzelhandel zugute. Mit neuen Paradigmen meine ich vor allem moralisch-ethische Konsummuster wie Nachhaltigkeit, Regionalität und Fair-Trade, die eine emotionale Kundenbindung erzeugen und zunächst einmal eine bremsende Wirkung auf die Ausweitung des Online-Handels entwickelt haben.

Welche soziodemografischen Entwicklungen stützen den stationären Handel?
Kramer: Der aktuelle Trend zur Urbanisierung schafft sogenannte Schwarmstädte, starke Ober- und Mittelzentren, die ohnehin als Einzelhandelsstandorte eine zentrale Versorgungsfunktion für ihre umliegenden Lebensräume ausüben und Konsumenten „vor Ort“ anbinden. Dies spricht für eine weiterhin positive Entwicklung im stationären Einzelhandel. Laut GfK wuchs der deutsche stationäre Einzelhandel in 2015 um ca. 1,4 Prozent. Dies entspricht einer deutlichen Erholung im Vergleich zu den Jahren davor. Auch für 2016 prognostiziert die GfK ein Wachstum von knapp einem Prozent für den stationären Einzelhandel. Zu dieser Entwicklung tragen maßgeblich die Top-7-Städte (Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt/Main, Düsseldorf und Stuttgart) bei. Deren Anteil am gesamten stationären Handelsumsatz dürfte sich dieses Jahr laut GfK auf ca. 14,5 Prozent belaufen.

Welche Auswirkungen hatte das bisherige Wachstum des Online-Einzelhandels auf den stationären Handel?
Kramer: Die schnelle Marktdurchdringung und hohe Käuferreichweite des Online-Handels setzten den traditionellen Handel unter Druck und zwangen ihn zur Professionalisierung. Vor allem bei Warensegmenten, die besonders „online-tauglich“ sind und aktuell ca. 20 Prozent des gesamten Umsatzes online realisieren: Technik & Medien, Mode & Lifestyle und Sport & Freizeit. Treiber des Onlinewachstums in diesen Segmenten sind nicht zuletzt die stationären Händler selbst. Diese reagierten durch den Einsatz möglichst vieler Vertriebskanäle, also stationär, via Webseiten, mobile Anwendungen und E-Mail, dem sogenannten Omni-Channeling.

Also geht am Ende doch alles Richtung Online-Handel?
Kramer: Nicht unbedingt. Einzelhandelsimmobilien werden zunehmend als „Ort des Handels“ inszeniert. Im Vergleich zu den virtuellen Marktplätzen können sie das emotionale Einkaufs- mit einem realen Aufenthaltserlebnis verbinden und zu „Lifestyle-Destinationen“ für ihre Kunden werden. Es bewegt sich etwas im deutschen Einzelhandelsimmobilienmarkt.

Welche konkreten Beispiele gibt es für diesen neuen Trend?
Kramer: Neben klassischen Ankermieter-Einkaufszentren werden neue Shopping-Center-Konzepte umgesetzt, wie beispielsweise das Projekt VOLT in Berlin und auch das Möbel-Kraftwerk KARE in München. Diese gestalten sich als öffentliche Marktplätze mit einem hohen Aufenthaltsfaktor als Ankerelement. Ergänzende Nutzungsarten wie Hotel, Freizeit und Kultur wirken polarisierend für den Einzelhandel in modernen Einkaufshäusern. Somit entfaltet sich der stationäre Handel auch als Vorreiter neuer Trends und behauptet damit seine tragende Rolle im deutschen Einzelhandelsmarkt.


Über den Interviewpartner: Marco Kramer ist Leiter Research bei der Real I.S. AG in München.

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